Was ist eigentlich Psytrance?

Ich habe ein wenig mit der Veröffentlichung dieses Artikels und dem Anschneiden dieses Themas gerungen. Denn was auch immer Psytrance, die Szene und die Menschen wirklich seien mögen; sie sind vor allem auch Geschmacks- und Ansichtssache. Und sicherlich kann ich mit meinen 25-Jahren und 7-Jahren Szeneleben nicht ansatzweise objektiv beurteilen, was eine Kultur im Kern ausmacht. Aber subjektiv kann ich das schon.

Außerdem ist es abhängig davon, wonach man im Leben auf der Suche ist. Oder auf den Partys, denn diese sind nach wie vor das Zentrum dieser Bewegung. Der Rest des Artikels ist streitbar und das soll auch so sein. Er schildert auch meinen persönlichen Weg in die Szene und was ich hier gelernt habe…oder auch nicht. Außerdem gibt’s jede Menge Infos zur Hintergrundgeschichte und zur Entstehung dieser Art von elektronischer Musik, an den Stränden Goas.

Woher kommt Psytrance?

Das Wappen des indischen Bundesstaats Goa
Das Wappen des indischen Bundesstaats Goa

Beginnen wir die Reise durch die psychedelische Musik einfach und unkritisch. Mit Fakten. Die ersten Goa-Partys entstanden bereits Ende der 60er / Anfang der 70er Jahre in…*trommelwirbel* genau! Im indischen Bundesstaat Goa. Damals vor allem noch mit Psychedelic Rock und Gitarren. Die ersten Goa Partys wie wir sie heute primär kennen, entstanden Mitte – Ende der 1980er Jahre. Für 450 Jahre war Goa übrigens portugiesische Kolonie. Vielleicht einer der Gründe, weshalb die Psytrance Szene in Portugal weit verbreitet ist und dort auch eines der bekanntesten Festivals stattfindet: Das Boom Festival.

Immerhin wurde bisher kaum ein anderer Teil und Staat Indiens kulturell so sehr durch die westliche Kultur beeinflusst wie Goa. Nicht andersherum. Das zeigt auch heute noch der hohe katholische Bevölkerungsanteil. Und der für Indien vergleichsweise hohe Lebensstandard. Hindus stellen zwar heutzutage mit ca. 66 Prozent (Ergebnis der Volkszählung 2011) die deutliche Mehrheit der Bevölkerung Goas. Durch die portugiesische Kolonialgeschichte gibt es aber auch eine starke Präsenz von Christen (fast ausschließlich Katholiken). Bevor Goa von einer Kolonie zu einem Teil Indiens wurde, stellten die Christen sogar die Mehrheit.

Im Rahmen der Operation Vijay marschierte 1961 die indische Armee mit dem Verhältnis 20:1 in die Kolonie ein. 1962 wurde Goa dann ein Teil Indiens. Nicht gerade friedlich. Vielleicht der Ursprung der friedlichen und esoterischen Gegenkultur, welche sich in den Folgejahren der Unabhängigkeit entwickelte.

Die Stände Goas wie z.B. Anjuna sind ein wahres Paradies für Aussteiger
Die Strände Goas, wie z.B. Anjuna Beach, sind ein wahres Paradies für Aussteiger – Bild: urlaubsguru

Denn kurz darauf begannen Aussteiger damit, sich rund um Strände wie den Anjuna Beach niederzulassen und brachten natürlich Kultur, Philosophie und Lifestyle mit. Das ging dann eine Zeit lang gut. Doch wo Aussteiger aussteigen, da steigen deutsche Pauschaltouristen schon bald ein. Das war dann in den 1980er Jahren der Fall. Heutzutage besonders beliebt: eine bunte Aussteiger Hütte am Strand, all-inclusive.




Obwohl das ja gar nicht nötig wäre, da ja alles so billig ist. Mehr ist es nicht, was im kollektiven deutschen Mainstream-Gedächtnis zu Goa erhalten geblieben ist. Neben der Musik natürlich. Eine Doku des NDR vermittelt einen recht realistischen und nüchternen Eindruck des ehemaligen Hippie-Paradieses, so wie es heute ist.

Eines der letzten bekanntesten Überbleibsel der Anfangszeit dürfte heute der „Flea Market“ (Hippie-Flohmarkt) sein, der immer am Mittwoch in Anjuna seine Pforten öffnet und wirklich einen Besuch wert ist. Obwohl auch hier Spiritualität und Authentizität zunehmend 10-jährigen Kindern weicht, die einen in fremdem Auftrag mit „Please come to my shop..“ zum Geldausgeben bewegen möchten.

Flea Market
Bild: my-thaler.com

Heute überwintern in Goa preiswert Rentner aus Wuppertal und Dresden, und Briten schenken in ihren Kneipen Ale und Guinness aus. Auf begrünten Hügeln und am Strand entstehen zwischen Kokospalmen und Reisfeldern weitere Luxushotels. Indische Filmstars entspannen sich in ihren Villen.

Die Toursiten, die heutzutage Lärm mit ihren Rave-Partys am Strand machen, werden meist schnell von der Polizei verjagt. Es hat sich hier einiges geändert. Trotzdem kommt Psytrance hier her.

Psytrance & Goa

Zumindest ist diese Musik hier entstanden. Weiterentwickelt und ad absurdum kultiviert wurde sie in Europa. Schon damals auch aus kommerziellen Gründen. Was ja heute einige „Gurus“ gerne abstreiten. Natürlich leisteten auch in Europa die Einflüsse Indiens Pionierarbeit. In Form unzähliger kleiner, familiärer Gatherings, bevor dann nach und nach die großen Partys & Festivals entstanden. Zwischen 1994 und 1998 hatte Goa-Trance seine Hochzeit, auch kommerziell. Ab den 1990ern nahm die Musik auch Einflüsse aus dem Techno auf. So wurde mit der Zeit  die kommerzielle Lesart des Goa-Trance immer schneller, monotoner, tanzbarer. Auch die Bezeichnung änderte sich zu der Zeit: „Psytrance“ war geboren.

Oder zumindest wurde er neu betitelt. Diesen Namen erhielt Goa-Trance ebenfalls in Europa. Unter diesem Label wurde die Goa-Kultur komplett internationalisiert. Einer der größten Unterschiede von Damals zu Heute. Damals kam die Welt nach Goa, heute strömt Goa, oder das, was davon übrig ist, hinaus in die Welt. Doch bereits die ersten Einflüsse, die aus den Psychedelic-Rock-Gatherings der Alt-Goaraner/innen langsam die heute bekannten elektronischen Goa-Partys machten, kamen aus Europa. Speziell aus Deutschland, welches auch während der psychedelischen „Globalisierung“ eine wichtige Rolle spielte.

Und eine Stadt nahm dabei eine sehr wichtige Position ein: Hamburg. Einer der Gründe, weshalb es Goazin heute gibt, das sich ja speziell mit Hamburg & der Szene auseinandersetzt. Denn in den 90ern gab es hier eine ebenso lebendige Techno-Szene wie in den gern‘ genannten Städten Berlin & Frankfurt. Progressive bzw. „Proggy“ wurde hier geprägt, aber ebenso wurde auch der ursprüngliche Geist hier bis heute aufrechterhalten. Es wird nur zunehmend schwerer. Prägende Clubs in den 1990ern waren natürlich der Tunnel, das Atisha und das Traxx, indem vor ca. 20 Jahren Neelix & Co. ihre ersten Schritte in Richtung Psytrance machten. Was daraus geworden ist, sieht man heute. Viele der europa- und weltweit bekannten Live-Acts & DJs aus Hamburg. Neben Neelix z.B. auch Klopfgeister, NoK, Fabio & Moon, Kularis, Day.Din usw. Ein Besuch auf einer Goa Party in Hamburg lohnt sich also nach wie vor.

In Goa entstanden die ersten Partys bereits rund 30 Jahre vorher, nämlich in den 60ern und 70ern. Die damaligen Goa-Djs legten Led Zeppelin, Pink Floyd, Grateful Dead usw. auf. Das bis in die 70er in Indien legale Haschisch, die netten Menschen, die indischen Religion und schöne Strände, brachten die Aussteiger aus dem Westen nach Goa. Und der Psychedelic Rock brachte sie auf die Parties. 1979 kamen dann erste Ansätze elektronischer Musik auf: Kraftwerk & Co starteten in  Europa durch. Und sie fanden auch ihren Weg auf die Goa Parties. Über Umwege.

1983 fingen dann DJ Laurent und Fred Disko, dicht gefolgt von Goa Gil damit an, die Parties wesentlich elektrolastiger zu gestalten. Zu dieser Zeit überflutete elektronische Musik aus Europa die Welt. Acts wie New Order, Frontline Assembly, Front 242 usw. Die Hippies akzeptieren das letztendlich, vielleicht da man sich zu dieser Musik noch besser auf seinen Trip einlassen kann, oder man eine Form des Urtanzes praktiziert, der letztendlich eine Abkapselung vom Körper ermöglicht. Der Körper tanzt, die Gedanken kreisen. Irgendwann übertrumpfte der sog. neuartige „Space Age“-Sound die „Wah-Wah“ Musik.

1985 war dann fast jede Goa Party elektronisch. Die Lyrics waren größtenteils verschwunden, die Melodien geloopt und nahezu jeder Sound zur Unkenntlichkeit verzerrt. Damals wie heute konnte man die Musik kaum in Läden kaufen, weshalb die Partys einen großen Zulauf erfuhren. Der erste kommerzielle Goa-Trance Release erschien 1988 – ‘What time is love’ von KLF. Zur selben Zeit begannen auch Psytrance-Pioniere wie The Orb, Juno Reactor, Eat Static und The Infinity Project. Danke an Sascha für den Hinweis mit dem KLF-Mix. Hatte vorher einen der letzten Remix-Versionen online. Jetzt ist der Original Mix online.

1992 veränderte sich die Musik nochmals stark, viele neue Artists entstanden weltweit und die ersten Festivals entstanden. Unter anderem die VooV 1993, oder das Gaia Festival. Die zunehmende Popularität der psychedelischen Musik brachte auch mehr und mehr Künstler und Fans anderer Techno-Stilrichtungen in die Szene, zum Teil nur auf Grund der Erfolgsorientiertheit. Goa war Trend. Doch neben den Festivals leisteten natürlich auch die vielen familiären kleinen Gatherings einen mehr als wichtigen und prägenden Beitrag, die hauptsächlich von ehemaligen Goa-Aussteigern initiiert wurden. Bis heute erhalten maßgeblich sie den ursprünglichen Spirit. Dank ihnen zeichnen sich viele Veranstaltungen nach wie vor, gerade im kleineren Rahmen, durch die familiäre Atmosphäre und ein sehr friedliches Miteinander aus. 1994 erschien der erste reine 100 % Goa-Trance Sampler: Project 2 Trance mit Tracks von Man with no Name, Gumbo, Mandra Gora & Hallucinogen.






1996 / 1997 hatte Goa kommerziell seinen Peak. Nach der Hype-Power klang das Ganze ab. Das kommerzielle Ende des Goa Trance wurde musikalisch durch eine Matsuri Produktion untermalt: Let it RIP. Von diesem Moment an übernahm dann der Psytrance, der mittlerweile wiederum vom Progressive Trance verdrängt wurde. Zumindest kommerziell.

Aber wie entstand in einem Hippie-Paradies eigentlich eine neue, schnelle und auch oft düstere elektronische Musik. Die Partys der Anfangszeiten waren ja eher durch Gitarren untermalt worden, wozu man dann auf Psychedelika tanzte. Die ersten Goa Tracks waren reine psychedelischen Klangwelten, oft komplett ohne Bass. Wie kamen die bpm in die Musik? Wie bei so vielen Dingen, hatten auch hier die 68er-Generation und das Aufeinandertreffen östlicher und westlicher Kultur einen großen Einfluss – zwei Faktoren waren ausschlaggebend.

Faktor 1  – Ashram in Poona

Bhagwan Shree Rajneesh & seine Jünger/innen bei der Meditation
Bhagwan Shree Rajneesh & seine Jünger/innen bei der Meditation – Bild: pandorafilm

Anfang der 1970er Jahre entstand in der indischen Stadt Poona eine musikalische Gegenkultur, in Form eines besonderen Ashrams, gegründet von Bhagwan Shree Rajneesh. Dieser lud extrem viele Europäer und Amerikaner nach Indien ein, um dort mit ihnen zur Musik zu meditieren. Eine neue Art der Tanzmeditation war geboren. Zurück kamen die Aussteiger dann in orangen und roten Gewändern und einer Kette mit seinem Bild.

Dass der Guru am Ende auch mal im Rolls Royce gesichtet wurde, seine sogenannte „Peace-Force“ mit Uzis ausgerüstet wurde und auch ein paar andere Dinge nicht so ganz stimmig waren, ist für die Geschichte des Psytrance eher nebensächlich. Zu dem ganzen Thema gibt es auf jeden Fall eine sehr spannende Doku: „His Secretary and his Bodyguard“.

Da Poona in der Nähe von Bombai liegt, wo es bekanntlich keine schönen Strände gibt, fuhr man damals zum Feiern / Meditieren nach Goa, ein paar 100 Kilometer südlich des Ashrams.

Faktor 2 – Georg Deuter & sein PPG 300 Synthesizer 

So, nun sind wir also schon Mal am Strand in Goa. Aber woher kam nun die elektronische Musik? Das hängt maßgeblich mit einem Mitglied des Ashrams zusammen – Georg Deuter. Ein deutscher Musiker, der zu dieser Zeit mit dem neuartigen PPG 300 arbeitete, den ihr im obigen Video bewundern könnt (den PPG, nicht Deuter). Klingt schon ein bisschen nach Psy. Damals ein neuartiger Computer. Mit diesem Synthesizer untermalte Deuter einige Tanzmeditationen am Strand. Sehr sequentiell aufgebaut. Mit mehr Dynamik und viel mehr bpm. Im Prinzip machen wir heute genau dasselbe. Schütteln, Tanzen, Schreien. Es ist eine Art Tanzmeditation, ungeachtet aller Göttersymbolik und Spiritualität.

Diese beiden Faktoren vermischten sich dann mit pauschalreisenden Party-Touristen aus Europa, Alt-Hippies aus Kalifornien mit LSD-Vorerfahrung und jeder Menge anderer Aussteiger. Und mit jeder Menge gutem Gras.

Auch der Einfluss Timothy Learys, der zu diesem Zeitpunkt zwar nicht mehr aktiv war, aber einige Akteure beeinflusst und inspiriert hatte, trug  indirekt zur Entwicklung der heutigen Goa & Psytrance Szene bei. Leary war ein Psychologe, der den freien Zugang zu LSD & Co. forderte und den Slogan „Turn on, Tune in, Drop out!“ erfand. Er war noch weit mehr, aber das erfordert einen eigenen Artikel. Und der wird kommen 😉

Timothy Leary
Bild: wikipedia

„You’re only as young as the last time you changed your mind“ – Timothy Leary

Ich möchte hier trotzdem nochmal klar sagen, dass ich Goa & Psytrance Parties niemals als Drogenparties bezeichnen würde. Ja, es werden dort Drogen genommen. Aber jede Szene hat ihre Mittelchen. Auf Goa Partys werden einfach Andere genommen als auf der Loveparade, oder auf dem Oktoberfest. Und es gibt auch immer Menschen, die gar keine nehmen.

Mal ganz abgesehen davon, dass ohne Drogeneinfluss wahrscheinlich kaum eine Musikrichtung der letzten 100 Jahre entstanden wäre. Besonders dann nicht, wenn man Alkohol dazu zählt. Und welche Musiker/innen wären nie das geworden, was ihre Kunst heute für Viele ist? Prägend. Einzigartig. Wichtig. Frank Sinatra, die Beatles, Michael Jackson, Pink Floyd, Rolling Stones, Prince, Queen, Bob Marley, Amy Whinehouse, Jannis Joplin, Jefferson Airplane, um nur ganz, ganz Wenige zu nennen. Grosse Kunst erfordert wohl eine Prise Hedonismus. Und außergewöhnliche Erfahrungen. Für Psytrance gilt das nicht mehr, als für jede andere Musik und Szene auch.

Drogen sind oft Begleiterscheinung, doch gelegentlich auch Ursache, für viele Entwicklungen in Musikszenen, Kulturen und Gesellschaften. Und Psytrance thematisiert diese Einflüsse auf den Menschen, seine Kreativität und seine Entwicklung. Offensiver und avantgardistischer als andere Szenen. Im Optimalfall immer selbstreflektiert und aufgeklärt. Oder eben gar nicht. Auch die alternativen Wege in andere Bewusstseinszustände waren immer Thema der psychedelischen Kultur und ihrer Musik. Und sie sollten es auch immer bleiben. Deshalb gibt es auf Goazin.de z.B. auch Meditations-Tipps für Anfänger (Schleichwerbung, aber gute). Warum sollte es auch verwerflich sein, etwas zu thematisieren, was die Menschheit seit jeher prägt und sie ausmacht? Unser (Selbst)Bewusstsein.

Von den Stränden Goas in die Welt

Das Om-Mantra steht für die Psytrance Szene wie kaum ein zweites Symbol
Das Om-Mantra steht für die Psytrance Szene wie kaum ein zweites Symbol

Wie verbreitete sich diese Musik nun international? Zunächst einmal durch die Gegebenheiten Goas selbst. Die meisten Menschen dort, die an den Ständen tanzten und fröhlich ihr Bewusstsein erweiterten, stammten nicht aus Indien. Irgendwann kehrten sie dann in ihre Heimatländer zurück und brachten die Einflüsse von dort mit, indem sie Diskos & Clubs eröffneten, die diesen Geist transportieren sollten. Sollten.

Das passierte übrigens auch schon in den 1970er Jahren direkt in Indien. Bhagwans Jünger, die sog. Sannyas, eröffneten „Sannya-Diskos“, in denen sie dann die Tanzmeditation weitergaben. Es ist übrigens sehr spannend, den Kontext auch auf die allgemeine Techno- und Feierkultur zu übertragen. Meiner Meinung nach würde es keine dieser Musikrichtungen heute ohne Leary, Deuter, Bhagwan und die Strände Goas geben.

Außerdem funktioniert Goa universell. Es bedarf keiner Sprache. Auch deshalb das heutige OM-Symbol, das sozusagen für den Urklang steht, der in aller Welt gehört und verstanden werden kann. Von denen, die es wollen. Nach dem Ende der kommerziellen Hochzeit entwickelten sich dann zahlreiche Sub-Genres und die Szene zersplitterte in das Gebilde, welches wir heute zumeist vorfinden. Minimal / Progressive Psy, Morning Psy, Full On, Darkpsy, um nur Einige zu nennen. Bevor die Club-Goa Szene allerdings Fuß fassen konnte, leisteten die ersten Festivals wie die VooV und das Gaia Festival natürlich äußerst wichtige Pionierarbeit und verbanden erstmals zahlreiche Nationen und Kulturen außerhalb von Goa musikalisch und spirituell. So wurde aus einem Lagerfeuer mit Gitarre & LSD am Strand von Goa die internationale Szene, die wir heute kennen.

Psytrance Heute & mein Weg in die Szene

Ozora Festival
Mainfloor auf der OZORA – kein Beispiell für fehlenden Spirit, aber ein tolles Beispiel für den heutigen technischen Standard – Bild: Souldust

Zugegeben: mit dem Spirit, der Kreativität und auch dem Drumherum von damals hat das Ganze natürlich nicht mehr viel zu tun. Das ist in jeder Szene so. Das heißt aber nicht, dass es schlechter ist. Zunächst fällt auf, dass der Fokus mitunter auf der drogeninduzierten Wahrnehmung der Musik liegt. Schwarzlicht-Dekorationen, UV-Farben und Laser wohin man auch schaut. Weniger Natur & Akustikgitarre, mehr bpm, Synthesizer und Lichtshow. Meiner Meinung nach ist das vor allem dadurch bedingt, dass unsere Gesellschaft für viele Menschen ohne Betäubung nicht auszuhalten ist. Oder eben ohne ein verändertes, stimuliertes Bewusstsein. Welcher Art auch immer. Doch es ist ein Unterschied, ob man nur abschalten, oder auch lernen möchte, die Erfahrungen, die man im spielerischen und musikalischen Umfeld macht in den Alltag mitzunehmen. Und seine Umwelt und sich selbst besser kennenzulernen und positiv zu beeinflussen.

Ja, das ist jetzt sehr allgemein beschrieben, denn der Artikel ist schon sehr lang und ich möchte keine politische Debatte anzetteln. Aber im Grunde ist das das Problem. Der langsam sterbende Spirit der Szene hat mit dem langsamen Sterben der mit ihm assoziierten Werte selbst zu tun. Sie werden heute nicht mehr gefördert, sind nicht mehr populär – sie werden in einer Leistungsgesellschaft nicht mehr gebraucht. Nächstenliebe, Solidarität, (Selbst)disziplin, Fairness. Eher Hindernisse, auf dem Weg zum kommerziellen Erfolg. In der Musik, so wie im Leben. Und ja, Selbstdisziplin gehört dazu. Darunter verstehe ich nicht den Verzicht auf Schokolade, oder den Verzicht auf irgendwas. Ich verstehe darunter das konsequente Ziehen einer Lehre aus eigenen Fehlern und Erkenntnissen. Denn was man in einem Moment versteht, sollte man im nächsten auch anwenden.

Neumodische Begriffe wie „Gutmensch“ zeigen aber, welchen Stellenwert solche Werte bei vielen Menschen heute haben. Ein weiterer Faktor ist das Vergessen der eigenen Geschichte. Deshalb konzentrierte sich die internationale Szene immer mehr auf das Erlebnis, die Qualität und die damit einhergehenden Visuals & Sounds. Und auf die Drogen. Weniger auf die Kultur, die Ashrams und die Spiritualität. Sprich: auf die eigene Geschichte. Die Welt möchte Erlebnis & Action, kein schlechtes Gewissen und keine Selbstreflektion. Und Psytrance ist ein Teil dieser Welt. Das zu leugnen, ist ein weiteres großes Problem dieser Szene. Nach dem Zusammenpacken des Zeltes auf dem Festival, vergessen viele leider wieder, was sie auf diesem Gathering erfahren und gelernt haben. Das gelebte Gemeinschaftsgefühl und den inneren Frieden mit in die Realität zu nehmen – das ist die Kunst, die sehr viele Menschen verlernt haben.

Ein weiteres Problem, mit dem wir heute kämpfen, ist universell: die Aufsplitterung in immer kleinere Schubladen. Vegetarier, Veganer, Hipster, Bademeister, Rentner, Mit-20iger, Generation Y, Generation X, Dark, Proggy, Hi-Tech, Ambient – alles völlig nichtssagende Worte. Für mich lassen sie sich in zwei Begriffen zusammenfassen: Menschen & Musik. 

Das bin ich auf der O.Z.O.R.A. :)
Das bin ich auf der O.Z.O.R.A. 🙂

Den Zauber des Psytrance machte für mich persönlich lange Zeit der Umstand aus, dass es eine der letzten wahren Subkulturen war. Die besten Partys illegal, die Menschen tragen seltsame Dinge, bemalen sich und das Tanzen zu Musik, die es einem nicht immer leicht macht, sich in sie zu verlieben. Die Fusion hat es bei mir schließlich doch möglich gemacht.Diese Einheit und Gemeinschaft einer Subkultur bröckelt zusehends. Selbst, wenn man erst vor 7 Jahren dazu kam und nun zurückblickt. Dazu muss ich aber sagen, dass ich schon immer ein sehr musikbegeisterter Mensch war und mich in alle Richtungen informiere, verschiedenste Events besuche und auch immer an Hintergründen interessiert bin. Menschen, denen das nicht so geht und die ausschließlich auf Events wie der Midnight Sun, oder der Intact sozialisiert werden, den fehlt ein wichtiger Zugang zur Szene, um Teil dieser „einen“ Subkultur zu werden. Stattdessen werden sie nur Teil eines Sub-Genres.

Es ist aber auch so, dass einige Menschen, die diesen Zugang ermöglichen könnten, auf all‘ die „Bademeister“ und „Hipster“ keine Lust haben, weil die sich zum Teil eben eher wie in einer Großraumdisko verhalten. Aber wer hat ihnen das denn auch anders gezeigt? Hier würde vielleicht ein wenig die Einstellung des Ashrams von Poona helfen: den Menschen zeigen, was sie nicht kennen. Aber nicht das Rumfahren im Rolls Roye und Rumballern mit Uzis. Beschränkt euch auf die Tanzmeditation und die Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper & Geist.

Letztendlich ist das fundamentale Problem der Szene, genau wie überall anders auf der Welt, also der auf allen Seiten vorhandene und wachsende Egoismus und der Fokus auf die eigene Unterhaltung. Let me entertain you. Transformational Festivals wie die Fusion oder die Boom, über die das mushroom magazine jüngst berichtete, sind ein Ansatz zur Lösung dieses Problems, wenn auch ausbaufähig. Diese Festivals fangen langsam damit an, die Kultur und das Innenleben einer Szene wieder stärker in den Mittelpunkt zu stellen. Gleichberechtigt mit der Musik und dem Party-Erlebnis. Der Begriff „Ferienkommunismus“, den ja die Fusion geprägt hat, zeigt das sehr gut. Es geht darum, durch das Festival auch im Alltag ein besserer Mensch zu werden.

Eine andere Lösung für die Sub-Genre-Streitigkeiten, könnte vielleicht eine Renaissance des One-Floor Konzept sein, das unter anderem auch Antagon im Interview befürwortete. Alle Sub-Genres auf nur einem Floor. Schließlich wurden die Strandabschnitte in Goa auch nicht nach bpm unterteilt. Und auch mit meinem kleinen Magazin möchte ich einen Beitrag dazu leisten. Denn bei mir haben Stilrichtung, Popularität usw. keine Bedeutung. Jeder, der sich mit dieser Szene irgendwie verbunden fühlt, der hat auch einen Platz in diesem Magazin verdient. Und in dieser Szene.

„Der Lebensstil des meditierenden Psytrance-Yogis, der glücklich und zufrieden in alle Ecken der Welt reist, um dort Teil einer utopischen Gesellschaft zu sein, mag romantisch und für den geneigten Psychonauten absolut erstrebenswert sein. Ein realistisches Zukunftsmodell für die menschliche Gesellschaft ist er jedoch nicht.“ – mushroom magazine

Bildnachweise

Titelbild – whatsupgoa.com

23 Gedanken zu „Was ist Psytrance eigentlich – ein Marsch durch die psychedelische Geschichte

  • 15. Februar 2017 um 21:47
    Permalink

    Schön geschrieben, hat Spaß gemacht zu lesen und ein paar Erinnerungen geweckt. Danke dafür.

    Antwort
    • 17. Februar 2017 um 8:59
      Permalink

      Dem gibt es nichts mehr hinzuzufügen!!!
      Danke auch von mir.

      Antwort
  • 16. Februar 2017 um 7:16
    Permalink

    wow, gespannt wie „szene“gänger von heut die musik beschreibt welche mich seit 1995 prägt fing ich an zu lesen und konnte irgendwann nicht schnell genug fertig werden damit es endlich vorbei ist.
    goa ist auf keiner grosspartie in deutschland so beliebt geworden sondern in den unzähligen namenlosen privatparties am strand oder im wald wo die familie sich getroffen hat und stetig grösser wurde.
    das ab ’98 fast kein halten mehr war und hinz und kunz eine goa veranstallteten hat dem gemeinschaftsgefühl einen abbruch gegeben, aber auch noch heut hat ein goanaut seine ~100 kontaktpersonen, welche ich als familie bezeichnen würde, und dies ist der unterschied zu fast jeder anderen musikszene, es sind nicht „nur“ kumpels/freunde es ist familie…

    für neueinsteiger mag dein schriebs informativ sein, für mich hast du nicht verstanden was der impuls vieler noch heute ist.

    Antwort
    • 16. Februar 2017 um 10:01
      Permalink

      Man merkt, dass es nicht schnell genug gehen konnte 😉 denn genau das, was du bemängelst, steht in dem Artikel sehr genau beschrieben. Trotzdem Danke für das Lesen. Und gut das 99% des bisherigen Feedbacks jeglicher Generation das anders sieht. Grüße – Goazin.de

      Antwort
      • 16. Februar 2017 um 11:41
        Permalink

        es ist eine reine historie, kein vermitteln von wissen…

        Antwort
    • 16. Februar 2017 um 11:01
      Permalink

      Achso, eine Sache fällt mir noch ein. Wenn du noch immer deine Ansicht einiger Dinge über die Perspektive anderer stellst, indem du Dinge sagst wie „für mich hast du nicht verstanden, was der Impuls ist“, hast du das dann eher nicht verstanden? Was ist denn deiner Meinung nach der Impuls, den ich in diesem Artikel, der ja auch subjektiv geschrieben ist, nicht aufgegriffen habe. Ich bin gespannt dazu zu lernen, denn auch darum geht es in dem Beitrag ja 🙂

      Antwort
      • 16. Februar 2017 um 11:40
        Permalink

        -free your mind-

        ich saß so oft in schwitzhütten und drehte baumstämme, war berauscht von musik und auch anderem mehr, so das ich sagen kann es geht um mehr als dies was in dem arzikel steht. ohne menschen die dich kennen bist du verloren in dir selbst auf der suche nach mehr…

        ich habe einen 10jahre jüngeren bruder der nun such zu goas oder auch DER fusion fährt und es hat ein ganzes stück arbeit bedeutet ihm und seiner familie zu erklären was die familie für den einzelnen zu bedeuten hat.

        die althippies welche uns den gebrauch des psytanzes lehrten sind milerweile zu alt um neuen generationen das nötige eissen zu vermitteln und genau da seh ich die gefahr in dem artikel…

        eine möglichkeit besteht noch immer für alle interessierten zum lernen und dies ist die alljährliche zusammenkunft bei gil 😉

        namaste

        Antwort
        • 16. Februar 2017 um 11:54
          Permalink

          Also, einige Dinge die du sagst, sind aus deiner Perspektive vielleicht richtig. Aber man muss nicht in Schwitzhütten sitzen und sich berauschen, um sein eigenes (Selbst)bewusstsein zu ergründen. Schade, dass du dir nur die Stellen herausgreifst, die deiner Meinung irgendwie widersprechen und alles andere ignorierst. Außerdem ist der Artikel keinesfalls reine Historie, da muss ich komplett widersprechen. Er ist meine Auffassung der heutigen Szene. Und diese ist ein lebendiges Wesen und im Wandel, genauso wie die Welt und Menschen selbst. Ich finde, dass ich genau diese Stelle öfter aufgreife und definitiv vermittele, worum es meiner Meinung nach heute geht und früher ging. Und das kommt definitiv im Artikel vor. Mehrfach. Und die Formulierung „Was die Familie zu bedeuten hat“ missfällt mir persönlich komplett und widerspricht meiner Auffassung des Spirits. Denn nichts hat irgendetwas zu tun. Es ist eine eigene Entscheidung, welchen Stellenwert Dinge im eigenen Leben einnehmen. Ich würde sagen, wir haben einfach ein verschiedenes Verständnis davon und es gibt keine einzig wahre Interpretation. Es gibt keine richtige Meinung auf der Welt, außer eine; nämlich, dass keine Meinung die einzig richtige ist 😉 Und es ist logisch, dass wir das unterschiedlich betrachten, denn 1995 war ich noch im Kindergarten. Das bisherige Feedback (außer deins) und auch die Aufmerksamkeit zeigen mir aber, dass ich schon viel von dieser Szene für mich verstanden habe und auch vermitteln kann 😉 Oder haben alle anderen Unrecht und keine Ahnung, wenn sie sagen, dass dieser Beitrag eben genau das tut, was du abstreitest. Klingt ja ein bisschen Guruhaft, wenn du das tatsächlich so siehst. Grüße

          Antwort
          • 16. Februar 2017 um 13:51
            Permalink

            wenn ich die sutenzität deines an sich interessanten betrages abstreiten würde, so hätte ich ihn nicht geteilt.

            und ich beharre auf dem standpunkt das goa entstanden ist um den spirit der 60er für die heutige zeit greifbar zu machen.
            und wenn ich leary auch teilweise wiederspreche, so ist es für mich unumstritten das tranzzendenz die einzige möglichkeit ist um die von dir so betitelten „bademeister“ auf einen gemeinschaftsverträglicheren weg zu bringen.

            und genau dies ist der springende punkt: hippie ist man nicht weil man die musik gut findet, sondern aus der hoffnung heraus durch eine gemeinschaft das dich umgebende umfeld verändern zu können…

            schade finde ich ich deine letzte aussage/frage bezüglich des guru, genau jene abfällige kategorisierung führt dazu das individuen sich individuell einsam fühlen und keine chance erhalten durch wissende zu lernen.
            oder anders ausgedrückt, wenn der artist nicht nur sein set abspielt sondern die ihm folgenden verfolgt, führt und begleitet, dann kann jeder für sich die familie auf dem floor spühren, ob nun drogenindiziert oder nicht, daraus resultierend dann hoffnung schöpfen das der mensch noch immer ein herdentier ist welches gemeinsam am glücklichsten wird…

            und mal auf nynorsk

            d r d, d d r d( ja dies ist ein sehr wahrer ung vollständiger satz)

          • 16. Februar 2017 um 14:04
            Permalink

            Also, die Aussage „guruhaft“ war einfach darauf bezogen, dass du einfach Fakten meines Artikels ignoriert hast, bei deinen Aussagen. Und daran störe ich mich. Bin ja auch nur ein Mensch 😉 Und ich verstehe halt auch einige Aussagen einfach nicht. Dass man kein Hippie ist, weil man die Musik hört ist ja klar und das sollte der Artikel eigentlich auch transportieren. Ebenso thematisiere ich mit als einziger online auffindbarer Beitrag den Einfluss der Sannyas und Learys. Deshalb störte ich mich an der Aussage, dass der Artikel nur was für Neueinsteiger ist…nein „Schriebs“ war deine Wortwahl, nicht Artikel. Nicht weniger abwertend als guruhaft. Und meiner Meinung nach war Goa ein Selbstzweck. Ich denke eben genau das nicht, dass die Hippies am Strand damals sagten „hey, wir gründen jetzt eine Musikrichtung, die die 60er in der Zukunft greifbar macht.“ Ich bin mir sogar sehr sicher, dass genau das nicht der Gedanke war, sondern eher eine Frage des Moments und Selbstzwecks. Subjektiv empfinde ich die Aussage schlichtweg als falsch.

        • 17. Februar 2017 um 10:20
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          „Eine andere Lösung für die Sub-Genre-Streitigkeiten, könnte vielleicht eine Renaissance des One-Floor Konzept sein, das unter anderem auch Antagon im Interview befürwortete. Alle Sub-Genres auf nur einem Floor. Schließlich wurden die Strandabschnitte in Goa auch nicht nach bpm unterteilt. Und auch mit meinem kleinen Magazin möchte ich einen Beitrag dazu leisten. Denn bei mir haben Stilrichtung, Popularität usw. keine Bedeutung. Jeder, der sich mit dieser Szene irgendwie verbunden fühlt, der hat auch einen Platz in diesem Magazin verdient. Und in dieser Szene.“ Naja damals war’s ja auch Goa. Schaut Euch mal Menschen an, die sich zu Goatrance in Trance tanzen, und dann zu Psycore mit Dubstepelementen. Das ist einfach nicht das selbe. Karahana gibts mit Nitzhonot oder anderen melodischen Richtungen. Macht die Musik wieder psychedelisch und liebevoll und der Vibe und die Hippies kommen wieder. PLUR und Om namah Shivay.

          Antwort
    • 16. Februar 2017 um 12:49
      Permalink

      Familie – das ist es, was ich in Würzburg mindestens Ansatzweise erlebe! Und das unterscheidet uns eben von den gewöhnlichen Diskotheken. Hier wachsen tatsächlich Beziehungen, weil man einander wirklich begegnet.

      Antwort
    • 16. Februar 2017 um 14:58
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      Dann lass mal hören Papa? ;D

      Antwort
  • 16. Februar 2017 um 11:57
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    psy ist echt – , lebensgefühl — gemeinschaft — was nah und fern verbindet — am besten naturbezogen — mit kunst und gestaltung – freude und liebe — befreiung-heilung-energie- , – frieden , innen und aussen – – –

    Antwort
    • 16. Februar 2017 um 11:58
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      Da hast du Recht. Zumindest sollte es das sein und muss in einigen Bereichen unbedingt wieder dazu werden 😉

      Antwort
  • 16. Februar 2017 um 15:36
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    Auch wenn ich noch kürzer dabei bin (knapp 2 Jahre jetzt), kann ich den Fazit am Ende echt nur so unterschreiben und unterstützen! <3

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    • 16. Februar 2017 um 15:37
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      Zeit ist ja bekanntlich relativ 😉

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  • 16. Februar 2017 um 16:23
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    Sehr schön geschrieben. Schön wie am Ende die momentane Problematik erfasst und thematisiert wird.
    Danke für diesen tollen Artikel!

    Antwort
  • 16. Februar 2017 um 16:58
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    Moin Heddi!

    Zunächst finde ich, dass dies auch aufgrund seines sprachlichen, ironisch charmanten, teils polemischen Schreibstils ein recht kurzweilig zu lesender Artikel ist, der es schafft auch Historisches so zu vermitteln, dass selbiges mit einem Schmunzeln im Gesicht des Lesers ankommen – zumindest war dies bei mir so 😉

    Das Fazit wirkt jedoch in meinen Augen – vermutlich auch aufgrund problematischer, weil nicht immer eindeutig definierter Verwendung von verschiedenen Kategorien und Termini – teilweise ambivalent, brüchig und widersprüchlich. Aber so what! Sprache ist halt machmal ihrem Naturell nach durch eine gewisse Offenheit charakterisiert daher auch – zumindest verbales Verständnis – vermutlich letztlich auf den Bereich des Gefühls beschränkt und weniger als Zustand zu erreichen. Ob das einen Unterschied macht sei dahingestellt 😉

    Nichtsdestotrotz möchte ich hier, auch bezugnehmend auf das Credo deines Blattes, nämlich dass „Jeder, der sich mit dieser Szene irgendwie verbunden fühlt, […] auch einen Platz in diesem Magazin verdient [hat]“ ein paar wenige – zugegebenermaßen ebenfalls teilweise recht polemische – Denkanstöße geben.

    Zum besseren Verständnis habe ich immer die jeweilige Textzeile von dir auf welche ich mein Argument beziehe als Zitat in Gänsefusschen vorangestellt.

    Also, fangen wir an…

    Du schreibst:
    „[…] mit dem Spirit, der Kreativität und auch dem Drumherum von damals, hat das Ganze natürlich nicht mehr viel zu tun. Das ist in jeder Szene so. Das heißt aber nicht, dass es schlechter ist […]

    Damit scheinst du an dieser Stelle noch neutral beschreiben zu wollen, dass der gesellschaftliche Kontext in welchem diese „Szene“ sich sowohl diskursiv als auch performativ verortet und mit welchem sie entsprechend wechselseitig interagiert, ein sich veränderndes fluides Konstrukt darstellt und versuchst offensichtlich hier noch explizit von einer normativen Formulierung absehen zu wollen.

    Weiter im Text:
    „dass der Fokus vor allem auf der drogeninduzierten Wahrnehmung der Musik liegt. Schwarzlicht-Dekorationen, UV-Farben und Laser wohin man auch schaut. Weniger Natur & Akustikgitarre, mehr bpm, Synthesizer und Lichtshow. Meiner Meinung nach ist das vor allem dadurch bedingt, dass unsere Gesellschaft für viele Menschen ohne Betäubung nicht auszuhalten ist.“

    Überraschend in diesem Kontext finde ich, dass du den Konsum von Drogen, sowie die durch technologische Unterstützung ermöglichten, visuellen und auditiven Stimuli als betäubend beschreibst und dieses auf eine Art „Gesellschaftsflucht“ beziehst, welche mit einer Entfremdung von der Natur einherzugehen scheint.
    Natürlich hast du dahingehend Recht, als dass ein Festival immer eine Art Auszeit – in den Worten der Fusion: „Ferienkommunismus“ – darstellt und damit einen strukturellen Bruch gegenüber im gesellschaftlichen Alltagsleben gültiger Werte und Normen impliziert. Dieses ist in meinen Augen – übrigens auch unabhängig von der Berücksichtigung potentieller weiterer Auswirkungen auf die gesamtgesellschaftliche Struktur außerhalb des Festivals – eine Form von temporärer Rebellion und damit als ein politischer Akt zu interpretieren, selbst wenn man selbiges auf eine rein hedonistische Ebene reduziert – denn, wie wir nicht erst durch Emanzen wie die Schwarzer wissen: „Das Private ist immer schon politisch“..
    Innerhalb dieses gesetzten Rahmens jedoch würde ich allerdings zwei gegenteilige Statements zur Disposition stellen wollen:
    1.Der Konsum von Drogen – gerade auf Trancefestivals (und damit anders vielleicht als im Alltag)- ist keinesfalls pauschal und vermutlich nicht mal primär – eine Betäubungsstrategie, sondern hingegen ein Instrument seine Sinne und sein Bewusstsein zu modifizieren und damit idealerweise zu erweitern und (…)
    2. Die beschriebene Technologie steht meines Erachtens keinesfalls im Widerspruch mit der natürlichen Umgebung sondern wird hingegen von den Veranstaltern meist in Form einer möglichst harmonischen Synthese versucht zu installieren, um damit dem veränderten Geist einen möglichst undefinierten, weiten, experimentellen Raum zur Verfügung zu stellen, welcher zu Transzendenz und zu Vereinigung anregt.

    Weiter:
    „Der langsam sterbende Spirit der Szene hat mit dem langsamen Sterben der mit ihm assoziierten Werte selbst zu tun.“

    Das ist eine grob generalisierende und zutiefst pessimistische Beobachtung deinerseits, die zumindest weder mit den offen nach außen kommunizierten Erwartungen und Konzepten der Festivalinitiatoren, noch (nach meinem Erleben) mit dem Großteil der Erfahrungsberichte der Festivalgänger selbst in Übereinstimmung zu bringen ist.
    Man Digga, ich wünsch dir positive Erfahrungen!!

    „Deshalb konzentrierte sich die internationale Szene immer mehr auf das Erlebnis, die Qualität und die damit einhergehenden Visuals & Sounds. Und auf die Drogen. Weniger auf die Kultur, die Ashrams und die Spiritualität. Sprich: auf die eigene Geschichte.“

    Am Anfang deines Artikels leitest du doch die Kulturgeschichte der „Szene“ selbst als eine Symbiose aus Drogen, Spiritualität, Subversion und Musik her.
    Und ist Spiritualität nicht gerade auch die Möglichkeit einer individuelle Suche nach veränderten Bewusstseinszuständen, also nach Erfahrungen, deren Ursprung in der Beziehung zu einer absoluten, transzendenten oder zumindest außeralltäglichen Wirklichkeit verstanden werden können und entsprechend gerade nicht notwendigerweise im Rahmen eines traditionell religiösen Systems ausgedrückt werden müssen? Also gerade das Fehlen eines religiösen Dogmas, entsprechender Autoritäten und Institutionen (wie bspw. Osho und Ashrams) sowie assoziierter Symboliken genau das was Spiritualität ausmacht?

    „Die Welt möchte Erlebnis & Action, kein schlechtes Gewissen und keine Selbstreflektion. Und Psytrance ist ein Teil dieser Welt. Das zu leugnen, ist ein weiteres großes Problem dieser Szene.“

    Ok, aber inwieweit ist das nun ein rezentes Phänomen in „der Szene“? Wie interpretierst du die Motivation, welche die von dir beschriebenen „Aussteiger“ ab den 1960er Jahren in Scharen nach Goa hat ziehen und damit den Grundstein für diese Entwicklung hat legen lassen? War das ein Akt der Selbstaufopferung, Nächstenliebe und aktiven politischen Rebellion gegenüber Missständen in der eigenen Gesellschaft? Wie groß ist hier der Anteil von Hedonismus und Leugnung?

    „Nach dem Zusammenpacken des Zeltes auf dem Festival, vergessen viele leider wieder, was sie auf diesem Gathering erfahren und gelernt haben. Das gelebte Gemeinschaftsgefühl und den inneren Frieden mit in die Realität zu nehmen – das ist die Kunst, die sehr viele Menschen verlernt haben.“
    Auch hier gebe dir Recht, dass die beobachtbaren positiven Auswirkungen auf gesamtgesellschaftlicher Ebene sowie was die Bewegung und Orientierung der einzelnen Festivalenthusiasten nach „wiederholter Reintegration in die normale Welt“ betrifft überschaubar und potentiell enttäuschend sind. Diese vermeintlichen Verfehlungen jedoch auf die Wertestruktur der „Szene“ zu projizieren lässt eine Erwartungshaltung an letztere erkennen, welche angesichts der im Vergleich überdimensionalen hegemonialen Machtverhältnisse und -zwänge in der Welt zu fantastischer Träumerei mutiert. Versuchen wir es also auf einen ganz kleinen Bereich zu begrenzen und hoffen, dass wir, die wir die Summe unserer Erlebnisse und Erfahrungen sind, entsprechend auch ein solches Festival, insofern wir denn die Chance genutzt haben es als bereichernd und prägend wahrzunehmen seinen kleinen Anteil in uns allen trägt.

    Und weiter:
    Dein Zitat: „Ein weiteres Problem, mit dem wir heute kämpfen, ist universell: die Aufsplitterung in immer kleinere Schubladen. Vegetarier, Veganer, Hipster, Bademeister, Rentner, Mit-20iger, Generation Y, Generation X, Dark, Proggy, Hi-Tech, Ambient – alles völlig nichtssagende Worte. Für mich lassen sie sich in zwei Begriffen zusammenfassen: Menschen & Musik.“

    Sitzt denn der zu „Generation Y gehörende und als Mit-20iger zugegebenermaßen recht frühverrentete, vegetarische Bademeister“ nicht möglichweise mittags auch mal erschöpft aufm „Ambient-Floor“, nachdem er sich zuvor abends auf „Proggy“, dann die ganze Nacht aufm „Darkfloor“ und morgens dann bei Dämmerung noch mutig Richtung „Hi-Tech-Floor“ weitertanzend die Füße „wundgestampft“ hat – also in Abhängigkeit von seinem ganz persönlichen, situativen Gemütszustand?!
    Was ich damit in Frage stellen möchte ist, dass diese Kategorien sich eignen eine individuelle Identität und daran angelehnt eine entsprechend dependente Gruppenzugehörigkeit zu definieren, ohne Gefahr zu laufen selbige zu einem essentialisierten, statischen Gebilde zu deformieren und damit jeder bunt-kreativen Handlungsdynamik zu berauben.
    Lässt sich die „conditio-humama“ also tatsächlich in einem solch singulären Begriff hinreichend beschreiben? Oder gehört nicht vielmehr jedes Individuum hinsichtlich seiner Orientierung, seines Selbstverständnisses und seiner pluralistischen Identitäten einer Vielzahl von potentiellen, teils widersprüchlichen und innerhalb eines spezifischen Kontextes salienten sozialen Gruppierungen an?
    Und deine fetten, zunächst sehr – um im Vokabular „der Szene“ zu bleiben – „open-minded“, weil tolerant und offen klingenden (Meta-)Kategorien von Mensch und Musik implizieren dann doch auch zwangsläufig den mit zwei Maß in der Hand, vollgekotzt zum Musikantenstadl schunkelnden AFD-Anhänger oder?
    Soll selbiger also auch in deinem Lösungsansatz, „für die Sub-Genre-Streitigkeiten, [dem] One-Floor Konzept, das unter anderem auch Antagon im Interview befürwortete. Alle Sub-Genres auf nur einem Floor“ unterkommen?
    Und was sagen dann wohl all die „Menschen, die diesen Zugang ermöglichten [und jetzt schon] auf all‘ die Bademeister und Hipster keine Lust haben, weil die sich zum Teil eben eher wie in einer Großraumdisko verhalten“?
    Ob die davon begeistert wären? Was ich hier polemisch überspitzt zum Ausdruck bringen möchte ist die Frage, wie man die verschiedenen Kategorien von Szene, Musik und Individuen konstituiert, definiert und damit dann auch zwangsläufig Abgrenzungen formuliert und wer sich das Recht heraus nimmt dieses zu tun?

    „Den Zauber des Psytrance machte lange Zeit für mich der Umstand aus, dass es eine der letzten wahren Subkulturen war. Die besten Partys illegal, die Menschen tragen seltsame Dinge, bemalen sich und das Tanzen zu Musik, die es einem nicht immer leicht macht, sich in sie zu verlieben. Die Fusion hat es bei mir schließlich doch möglich gemacht. Doch diese Einheit und Gemeinschaft einer Subkultur bröckelt.“

    Inwiefern ist denn der kreative Prozess einer sich stetig entwickelnden und dadurch beispielsweise hinsichtlich der musikalischen Stilrichtungen komplexer werdenden Subkultur, welcher sich wiederum in der Bildung diversifizierender Subgenres ausdrückt denn zwangsläufig an das „zerbröckeln einer Einheit“ geknüpft? Gab es mal sowas wie eine „Psytrance-Leitkultur“ – das sind ja fast fundamentalistische (zumindest aber sehr essentialisierende) Argumente die hier vorgetragen werden! 😉

    Das zieht sich weiter wenn du schreibst:
    „Nun muss ich sagen, dass ich schon immer ein sehr musikbegeisterter Mensch war und mich in alle Richtungen informiere […] Menschen, denen das nicht so geht […], den fehlt ein wichtiger Zugang zur Szene, um Teil dieser EINEN Subkultur zu werden. Stattdessen werden sie nur Teil eines Sub-Genres.“

    Wieder die Frage: Was macht denn diese vermeintliche „Fusion-EINHEIT-vor-7-Jahren“ aus? Und wie hast du es „da rein“ geschafft? Und wurde sie dadurch zur „ZWEIHEIT“? Oder was ist mit DIR geschehen? Ist nicht jede Art von gesellschaftlichem Phänomen abstrakt, heterogen, divers, fluide, perspektiven- und kontextabhängig?

    „Hier würde vielleicht ein wenig die Einstellung des Ashrams von Poona helfen: den Menschen zeigen, was sie nicht kennen.“

    Was`n? Dick Rolls Royce fahren und Uzi ballern?? 😉
    Sooo.. genug der Polemik 😉 Mir hat dein Artikel insgesamt wirklich gut gefallen und ich finds toll, dass überhaupt so ein kritischer Diskurs angestoßen wird!

    GRÜÜÜTZE

    Antwort
    • 16. Februar 2017 um 17:44
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      Moin Maddin,

      Ganz ehrlich; vielen Dank für deinen sehr guten, teils auch sehr gut gegenhaltenden Kommentar! Freut mich wirklich, dass du dich so intensiv mit dem Artikel befasst hast. Sicherlich gibt es Widersprüche. Die von dir genannten sind aber zum Großteil definitiv auf die fehlende Interpretationsmöglichkeit von sprachlicher Ironie im Web zurückzuführen und eben auf die Offenheit meiner Sprache. Ich bin sehr polemisch in meiner Sprache, weil ich eben nicht nur Recht haben möchte, sondern auch erreichen will. Und wie du schon sagst; allein’ der Anstoß einer solchen Diskussion auf einem etwas höheren Level als sonst, ist es schon wert. Jedenfalls habe ich in letzter Zeit selten solch differenzierte und gut formulierte Kritik unter Artikeln in anderen „Psytrance-Medien“ gelesen.

      Da dein Kommentar fast so lang ist wie mein Artikel, muss ich mir etwas Zeit nehmen, um auf alles zu antworten, was mir gerade nicht möglich ist. Ich werde es aber definitiv tun und habe ihn derweil auch schon Mal veröffentlicht. Außerdem freue ich mich sehr, dass du auch viele Positive Dinge sagst. Zu einigen Bemerkungen möchte ich aber direkt Feedback geben.

      Überraschend in diesem Kontext finde ich, dass du den Konsum von Drogen, sowie die durch technologische Unterstützung ermöglichten, visuellen und auditiven Stimuli als betäubend beschreibst und dieses auf eine Art „Gesellschaftsflucht“ beziehst, welche mit einer Entfremdung von der Natur einherzugehen scheint.

      Ja, diese Stelle ist sprachlich ungeschickt. Ich beziehe mich mit dem „Betäubend“ eigentlich auf die Aussage, dass der Drogenkonsum bei vielen Menschen meiner Meinung nach an Bedeutung gewonnen hat und somit automatisch auch im Psytrance. Denn wie ich einige Sätze vorher schreibe – der Psytrance ist Teil dieser Welt, lebendig und im Wandel. Und oft wird das verleugnet (Nur weil der Rest der Welt das tut, müssen wir das nicht tun). Das wollte ich ein wenig relativieren und darstellen, dass sich auch in der Goa Szene Mechanismen auswirken, die ebenso im „Mainstream wirken“. Das kommt aber definitiv nicht rüber, ich weiß 😀 Der Konsum und die entsprechenden Stimuli auf Festivals oder anderen Gatherings sind natürlich eher das Gegenteil von betäubend – was der Begriff Stimuli ja schon sagt.

      1.Der Konsum von Drogen – gerade auf Trancefestivals (und damit anders vielleicht als im Alltag)- ist keinesfalls pauschal und vermutlich nicht mal primär – eine Betäubungsstrategie, sondern hingegen ein Instrument seine Sinne und sein Bewusstsein zu modifizieren und damit idealerweise zu erweitern und (…)

      Stimme ich dir komplett zu und eigentlich wollte ich auch genau das sagen. Mit dem Unterschied, dass genau das auch so sein sollte 😉 aber immer öfter nicht mehr ist. Allerdings hörte sich jede Formulierung in der ich das rüberbringen wollte sehr lehrerhaft an 😀

      2. Die beschriebene Technologie steht meines Erachtens keinesfalls im Widerspruch mit der natürlichen Umgebung sondern wird hingegen von den Veranstaltern meist in Form einer möglichst harmonischen Synthese versucht zu installieren, um damit dem veränderten Geist einen möglichst undefinierten, weiten, experimentellen Raum zur Verfügung zu stellen, welcher zu Transzendenz und zu Vereinigung anregt.

      Da hast du genauso Recht und ich liebe die Visuals und Settings auf den Events. Wie du ja merkst, polemisiere ich gerne. Und ein krasser Widerspruch zu früher ließ sich so besonders gut mit Worten zeichnen. Die Deko ist etwas, was ich an vielen Gatherings sehr schätze. Was ich nicht schätze ist es, wenn Partys schlecht kommentiert werden, nur weil z.B. Die Demo mal nicht „flashig“ genug war. Es geht mir mit meiner Polemik darum aufzuzeigen, dass wir oft auf falsche Dinge den kompletten Fokus legen. Statt abzuwägen und zu differenzieren, so wie du es tust.

      Was ich damit in Frage stellen möchte ist, dass diese Kategorien sich eignen eine individuelle Identität und daran angelehnt eine entsprechend dependente Gruppenzugehörigkeit zu definieren, ohne Gefahr zu laufen selbige zu einem essentialisierten, statischen Gebilde zu deformieren und damit jeder bunt-kreativen Handlungsdynamik zu berauben.
      Lässt sich die „conditio-humama“ also tatsächlich in einem solch singulären Begriff hinreichend beschreiben? Oder gehört nicht vielmehr jedes Individuum hinsichtlich seiner Orientierung, seines Selbstverständnisses und seiner pluralistischen Identitäten einer Vielzahl von potentiellen, teils widersprüchlichen und innerhalb eines spezifischen Kontextes salienten sozialen Gruppierungen an? Und deine fetten, zunächst sehr – um im Vokabular „der Szene“ zu bleiben – „open-minded“, weil tolerant und offen klingenden (Meta-)Kategorien von Mensch und Musik implizieren dann doch auch zwangsläufig den mit zwei Maß in der Hand, vollgekotzt zum Musikantenstadl schunkelnden AFD-Anhänger oder?

      Ich möchte hier vor allem auf den letzten Teil antworten, da er den obigen eigentlich auch beantwortet. Ja, genau die schließe ich mit ein 🙂 Ich mache keinem Menschen auf dieser Welt einen Vorwurf für seine Meinung und auch Frauke Petry und Höcke sind Menschen. Es gibt einen Grund warum sie sind wie sie sind. Und der ist nicht die AFD oder der Besuch im Musikantenstadt. Die sind lediglich Symptome. Nur verstehen sie selbst das nicht. Sie denken genauso in den Kategorien, die ich mit meinem singulären Begriff aufs Wesentliche reduzieren will. Und diese Kategorien führen über kurz oder lang zu Konflikten, die nicht sein müssen.

      Und was sagen dann wohl all die „Menschen, die diesen Zugang ermöglichten [und jetzt schon] auf all‘ die Bademeister und Hipster keine Lust haben, weil die sich zum Teil eben eher wie in einer Großraumdisko verhalten“?

      Das sind Menschen wie du und ich, wäre meine Antwort. Gebt ihnen eine Chance 😉 Und wenn das abgelehnt wird, passen die besoffenen AFD-Mitglieder im Prinzip noch umso besser in eine Gruppe, die genau diese Chance verwehrt 😉 Genau das Verwehren von Chance gegenüber Fremden ist ja der Grund, wieso du diese Gruppe als Beispiel dafür nennst, was für „schlimme“ Menschen meine Aussage ad absurdum noch miteinschließt. Sollten wir sie also genauso ausgrenzen?

      Inwiefern ist denn der kreative Prozess einer sich stetig entwickelnden und dadurch beispielsweise hinsichtlich der musikalis“chen Stilrichtungen komplexer werdenden Subkultur, welcher sich wiederum in der Bildung diversifizierender Subgenres ausdrückt denn zwangsläufig an das „zerbröckeln einer Einheit“ geknüpft?

      Erstaunlicherweise nach meinem subjektiven Empfinden eine sehr einfache „Frage“. Es ist an das Zerbröckeln geknüpft, weil eine Szene, die sich, zumindest in den jüngeren Generationen voneinander abspaltet, sich gegenseitig nicht mehr beeinflusst. Das unterbindet kreative Prozesse, oder beschränkt sie zumindest. One Floor Konzept 😉 nach wie vor. Jetzt kann man sagen, woher willst du wissen, dass das eine Subgenre sich nicht beim anderen Subgenre inspirieren lässt. Damit wären wir wieder bei der Polemik. Es gibt immer Ausnahmen, die bekanntlich eine Regel bestätigen. Was nun die Ausnahme und was die Regel ist, das muss jeder für sich selbst herausfinden. Aber ich denke, dass viele von uns schon Sätze gehört haben wie „Ne, da läuft Proggy, da gehe ich nicht hin“. Noch weiter gesponnen wäre jetzt die Frage; wieso gehst du nicht zum Musikantenstadt und lässt dich da inspirieren. Erstens: ich tue ähnliche Dinge tatsächlich und gucke mir alles an, auch wenn noch kein Musikantenstadl dabei war. Zweitens: der Unterschied zwischen Sub-Genre und „Haupt-Genre“ ist ein anderer, als zwischen „Haupt-Genre“ und „Haupt-Genre“. Würde aber ein besoffenes AFD Mitglied zu mir kommen und mich höflich und sachlich fragen würde „Hey, ich weiß, dass ist nicht so dein Ding mit der Volkstümlichkeit und der Abneigung gegenüber fremden Kulturen, aber würdest du mir den Gefallen tun und zumindest eine Nacht lang probieren dir mal anzusehen, woher das ganze rührt?“ – ich würde es tun, einfach um zu verstehen, warum diese Menschen sind wie sie sind. Und um sie danach mit LSD und Schwarzlicht zu therapieren 😀 Und meine Polemik richtet sich deshalb gegen Alt-Goaraner/innen, die diese Frage nicht mal Menschen stellen, die im Prinzip die gleiche Musik hören wie sie, die sich nur in Nuancen unterscheidet.

      Gab es mal sowas wie eine „Psytrance-Leitkultur“ – das sind ja fast fundamentalistische (zumindest aber sehr essentialisierende) Argumente die hier vorgetragen werden! 😉

      Ja, gab es. Das altmodische One Floor Konzept. Psychedelic Rock, seltsame elektronische Klänge und erste Trance Ansätze an den Stränden Goas. Alles auf einer Party. Ohne Zersplitterung. Ich glaube, dass damals nicht nach bpm Zahlen die Floors in Strandabschnitte eingeteilt wurde 😉

      Wieder die Frage: Was macht denn diese vermeintliche „Fusion-EINHEIT-vor-7-Jahren“ aus? Und wie hast du es „da rein“ geschafft? Und wurde sie dadurch zur „ZWEIHEIT“? Oder was ist mit DIR geschehen? Ist nicht jede Art von gesellschaftlichem Phänomen abstrakt, heterogen, divers, fluide, perspektiven- und kontextabhängig?

      Definitiv ist jedes gesellschaftliche Phänomen kontextabhängig und nur subjektiv zu beschrieben. Und genau das macht diese EINHEIT aus. Eine Einheit aus Menschen die wissen, dass es nur eine einzige universell richtige Ansicht auf dieser Welt gibt; nämlich, dass keine Meinung die einzig richtige ist. Und dieses Gefühl vermisse ich heute teilweise. Ich habe es für mich „da rein“ geschafft, weil ich nie irgendwo rein wollte. Klingt simpel und abgegriffen, aber so ist es. Ich habe viel für mich selbst gelernt, für den Umgang mit meiner eigenen Moral, meinem Selbstempfinden, meiner Empathie und viele andere Dinge. So konnte ich viele Stereotypen und Vorurteile abstreifen, sodass ich heute ein Psytrance Magazin betreibe, auf Rap & Hip Hop Konzerte fahre, Las Vegas liebe, danach zur O.Z.O.R.A. Fahre und dann meinem Beruf im Marketing nachgehe (verallgemeinert, vereinfacht und leicht polemisch gesagt). Und vor allem habe ich gelernt, zu mir zu stehen, aber auch zu jedem anderen Menschen. Unabhängig davon, ob wir konform gehen. Insgesamt konnte ich so schon sehr viele Menschen erreichen und zum Lächeln bringen, mal mehr mal weniger. Wesentlich mehr, als wenn ich mich auf ein Sub-Genre „Mensch“ beschränken würde. Das ist es, was für mich subjektiv die Einheit oder den Spirit ausmacht.

      Was`n? Dick Rolls Royce fahren und Uzi ballern?? 😉

      Hehe 😀 auf den Kommentar habe ich heute schon den ganzen Tag gewartet. Deshalb gebe ich die Antwort ja direkt im Text. Es soll nur eine metaphorische Anspielung sein und deutlich machen, dass eben selbst diese Leute, die mit Uzis rumballern und Rolls Royce fahren, diese Sache verstanden hatten; lehne Fremde nicht ab, sondern zeige ihnen deine subjektive Wahrnehmung und lass’ sie darauß lernen, was sie wollen. Nicht das, was du willst, dass sie lernen. Denn das ist, wie du richtig sagst: abstrakt, heterogen, divers, fluide, perspektiven- und kontextabhängig

      So, jetzt bin ich ja doch schon fast alles durchgegangen 😀

      Wenn du an einer weiteren Diskussion oder Gegendarstellung arbeitest, schreibe sie liebend gerne in Artikelform. Ich werde sie umgehend veröffentlichen 🙂 Würde mich sogar sehr freuen.

      Antwort
    • 16. Februar 2017 um 17:57
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      Einen, der mir noch sehr wichtig ist, habe ich vergessen 😀

      Das ist eine grob generalisierende und zutiefst pessimistische Beobachtung deinerseits, die zumindest weder mit den offen nach außen kommunizierten Erwartungen und Konzepten der Festivalinitiatoren, noch (nach meinem Erleben) mit dem Großteil der Erfahrungsberichte der Festivalgänger selbst in Übereinstimmung zu bringen ist.
      Man Digga, ich wünsch dir positive Erfahrungen!!

      Aaaalso; deine Beurteilung, dass es eine generalisierende und zutiefst pessimistische Beobachtung ist, liegt deine eigene subjektive Wahrnehmung zu Grunde. Andere würden es realistisch nennen. Aber darum geht es nicht. Ich probiere hier wieder die Verbindung zwischen Psytrance und dem Rest der menschlichen Gesellschaft aufzuzeigen, die nicht abgekapselt voneinander sind. Deshalb sage ich, dass diese Werte „sterben“ (Polemik / Zuspitzung), weil sie auch außerhalb der Szene „sterben“. Und wenn man, was du sicherlich auch tust, mal einen genauen und vor allem auch kontinuierlich einen Blick auf das Weltgeschehen richtet, dann ist diese Beurteilung nicht ganz so pessimistisch. Ich habe jede Menge sehr guter und positiver Erfahrungen, gerade auch auf Festivals. Aber dort, vielleicht wegen des BTM Einflusses, fallen aber auch die subjektiv negativsten auf. Insgesamt versuche ich einfach weniger irgendwas mit irgendwas anderem in Übereinstimmung zu bringen. Ich zeichne meine Sicht auf die Welt. Wie ich schon vorhin sagte; man soll gerne jedem zeigen, wie man selbst die Welt sieht aber nicht wütend sein, wenn diese Menschen aus der eigenen Sicht andere Schlüsse & Lehren ziehen :)) Genau das ist es, was die Welt meiner Meinung nach braucht. Mehr Gespräche ohne Manipulationszweck. Unbewusst oder bewusst.

      Antwort
  • 16. Februar 2017 um 21:27
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    So weit so gut, gehöre wohl zu den alten Hasen und vieles ist richtig was du sagst aber eins wird immer gerne vergessen ( vielleichts hab ich auch überlesen )
    Goa wurde erst durch den 3 Hotspot der 90er für Techno zu dem was man Heute als PSYTrance bezeichnet. Meist wird nur Frankfurt oder Berlin als entstehungs Ort des Techno genannt. Aber es gab eine 3 Großstadt Hamburg. Hier waren es aber nicht Techno oder Housepartys sondern Trance und Goapartys, die dann in den neuzigern zu Psytrance verwoben. Nirgends gab es mehr Goa Partys in der Zeit als an der Waterkant. Viele wichtige Dinge sind von dieser Stadt aus gegangen, der Mushroom entstand hier. Das wohl wichtigeste Komikationsmittel in den 90er um die fetteste Party zu finden und der wohl viel zum entstehen der PsyKultur bei steuerten. Hier stand/steht der einzige Club der lange lange Zeit ausschließlich GOA und Psy spielte ( JuiceClub). Viele in Deutschland große Psy DJ kamen von hier. Find das eigentlich immer schade das dieses Kapitel verloren geganngen ist. Grade der Mushroom hätte eine stärkere Aufmerksamkeit verdient ohne ihn wäre die Szene nie zusammen gewachsen

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    • 16. Februar 2017 um 23:24
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      Hey, danke für deinen Kommentar, über den ich mich natürlich sehr freue. Ich habe die Entwicklung in Deutschland nicht intensiver thematisiert, da sich diese Seite (Goazin) auch speziell um Hamburg dreht und das an anderer Stelle und in anderen Beiträgen schon oft gesagt wurde 😉 Du hast aber natürlich Recht. Danke für’s Lesen und dein Feedback.

      Antwort

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