Was ich in 5 Monaten Goazin.de gelernt habe

Die berühmte Gonzo-Faust, die einen Peyote-Kaktus umklammert - Symbol des Gonzo-Journalismus
Die berühmte Gonzo-Faust, die einen Peyote-Kaktus umklammert – Symbol des Gonzo-Journalismus

Ja, jetzt sind schon die ersten 5 Monate um. So schnell verging die Zeit noch nie. Vor ca. 150 Tagen hatte ich die Idee, ein Magazin zu eröffnen, in welchem jeder seinen Platz findet, der Psytrance liebt, lebt und / oder produziert. Der Fokus sollte auf Hamburg liegen, aber ebenso sollten die hanseatischen Goanauten und Goanautinnen Infos aus aller Welt erhalten können. Gleichzeitig sollten auch die Hamburger Künstler in aller Welt gefunden werden können. Es entstanden einzigartige und emotionale Portraits, die viele der Künstler wie z.B. Marco und Kleysky für Eigenwerbung nutzen konnten. So erhöhte sich die Reichweite des noch sehr jungen Magazins schnell. Die ersten Festivals meldeten sich, ebenso wie die ersten Party-Veranstalter.

Mein Anspruch war es, dabei kein Werbe & Faktenmagazin zu schaffen, sondern Emotion, Subjektivität und „Schwung“ in die Artikel zu bringen. Und ein Statement abzugeben, was bisher vor allem mit „Was ist Psytrance“ gelungen ist, ebenso mit den neu-eingeführten Gastartikeln. Denn hier geht es nicht nur um Musik – es geht um mein persönliches Erlebnis, die Erlebnisse anderer in dieser Szene und um die Dinge, die wir daraus lernen können. Ganz im Stile eines meiner persönlichen Vorbilder: Hunter S. ThompsonBegründer des Gonzo-Journalismus. Viele kennen ihn nur als die Rolle, die Johnny Depp in Fear & Loathing spielt.

Und schnell merkte ich; das Konzept ging auf. Immer mehr Hamburger/innen wollten ein Goazin.de-Portrait haben, oder Dinge bei mir im Magazin ankündigen. Schnell stieg der Traffic auf >600 Menschen / Tag. An Tagen, an denen sehr beliebte Artikel rauskamen, verirrten sich sogar über 6.000 Menschen pro Tag auf meine Seite. Und da ich kreatives Schreiben wirklich liebe, machte es mir auch nie etwas aus, daran keinen einzigen Cent zu verdienen.

Aber oftmals ist man hinterher schlauer. Goazin.de macht immer noch sehr, sehr viel Spaß und es wird Goazin auch noch lange, lange geben. Aber es gibt ein paar Dinge, die ich nicht nochmal genauso machen würde und darum geht es in diesem Artikel. Dinge, die ich in den letzten 5 Monaten redaktioneller Arbeit in der Psytrance Szene gelernt habe. Die Thesen, die ich aufstelle, sind bewusst provokativ gewählt. Ihr kennt mich ja mittlerweile ein wenig. Also regt euch schön auf 🙂

Nur weil es was kostet, ist es kein Kommerz

Hand saying no to money bag on light background. Stop corruption concept

Immer nach Feierabend setzte ich mich fortan an meinen Laptop, oder fuhr zu Interview-Terminen, um euch fast jeden Tag irgendwas Neues bieten zu können. Gleichzeitig sollten auch die Party-Termine aktuell gehalten werden. Hinreise, Auswertung der aufgenommenen Audiodateien beim Interview, Umwandeln in Text, Korrekturrunden – bis so ein Artikel fertig ist und eben nicht langweilig klingt, vergehen schon mal gut und gerne 15 – 20 Stunden reine Arbeitszeit. Bei einigen Spezis sogar über 35 Stunden. Am Wochenende dann Party-Besuche, um anschließend Reviews zu schreiben. Wenn man dann so tolles Feedback bekommt, ist es das auch jedes mal wert. Wenn diejenigen, die bei ca. 10 Anfragen / Tag mal zu kurz gekommen sind, dann direkt persönlich werden, wird die Freude schon weniger.

Wenn man dann noch bei den ersten Versuchen, auch mal eine Aufwandsentschädigung für diese Arbeit zu verlangen, direkt mit Kommerz & Abzocker-Vorwürfen konfrontiert wird, schwindet die Lust enorm. Und der Kampfgeist erwacht 😀

Ich lernte etwas über die heutige Psytrance-Szene, das ich vorher schon geahnt, aber nicht gewusst hatte; das Selbstverständnis, dass gute Leistung und Arbeit, von der man auch selber profitiert (sonst würde man sie ja nicht in Anspruch nehmen wollen) auch etwas kostet, ist oft nicht vorhanden. Umso weniger, wenn diese Leistung nicht greifbar ist, so wie eine Hose, oder ein Gemälde. Oder ’ne Tüte. Es ist aber nicht selbstverständlich, dass jemand solche Artikel for free schreibt 😉

Und ein Magazin, bei dem eine private Geburtstagsparty auf der selben werbewirksamen Position untergebracht wird wie ein großes Festival, mit Kommerzvorwürfen zu konfrontieren zeigt eigentlich nur, dass diejenigen den Begriff „Kommerz“ nicht mal im Ansatz richtig verstanden haben.

Auch ich habe mich am Anfang gescheut, Preise für meine Arbeit aufzurufen. Genau aus diesem Grund. Ich habe es sogar zum Teil selbst so gesehen und gedacht, dass es unfair wäre, wenn nur diejenigen Beiträge bekommen, die das auch bezahlen können. Deshalb habe ich es umsonst gemacht. Und das sehe ich auch immer noch so. Allerdings sehe ich es jetzt auch so, dass jeder in irgendeiner Form „bezahlen“ oder „tauschen“ kann. Größere Veranstalter eben mehr und anders, als Einzelgänger und Einsteiger.

Scheut euch nicht, Preise für eure Arbeit aufzurufen. Egal was es ist. Solange Veranstalter Eintrittspreise verlangen, nehmt ruhig Geld, wenn sie euch für irgendwas wollen. Solange jemandem eure Arbeit gefällt scheut euch nicht, etwas dafür zu verlangen. Auch wenn diese Arbeit eure Leidenschaft ist. Viel mehr genau deswegen. Denn glaubt mir, oft gibt es nichtmal ein aufrichtiges „Danke“ – auch nicht in der Goa Szene 😉 Dann doch wenigstens Bares. Und andersrum: wenn ihr Qualität wollt und euch etwas gut gefällt, dann bezahlt auch dafür. Wie auch immer. Das hat nichts mit Geldgeilheit und Kommerz, sondern mit Respekt vor der Arbeit eines Anderen zu tun und vor seiner Lebenszeit, die er dafür opfert.

Setze auf Neues, nicht auf Namen

Neu! Angebot, Button, Wischer

Ich glaube jeder, der „irgendwas mit Medien“ machen will, steht irgendwann vor dieser Frage: setze ich auf große Namen & „Berühmtheiten“, um Erfolg zu haben und bekannt zu werden, oder probiere ich was Neues, um nicht unbedingt Erfolg, aber Spaß zu haben, aus dem dann Erfolg werden kann. Ich habe zu Beginn was Neues probiert und später dann versucht, gleichzeitig auch auf „Bewährtes“ zu setzen und Namen ins Magazin zu holen.

Aber solange du das umsonst tust, merke dir: „kleine“ und somit neue Künstler schätzen dein kostenloses Engagement und deine Leidenschaft für Musik & Szene oft mehr, als die „großen“ Namen & Künstler. 

Die zweite Sache, die ich gelernt habe ist also: Setze auf Neues, nicht auf Bewährtes. 

Auch das gilt über mein Magazin hinaus. Zumindest dann, wenn man mit irgendwas neu beginnt. Übersetzt für jemanden, der z.B. seine erste Party veranstaltet, bedeutet das: stecke die Energie in ein tolles Setting, gute Technik und gute Verpflegung und nicht in teure Acts 😉 So wie ich bei Goazin auf eine gute Benutzerfreundlichkeit der Seite und schöne Texte gesetzt habe – nicht (nur) auf bekannte Namen. Und das werde ich zukünftig auch wieder vermehrt tun. 

Toleranz ist keine Frage der Frisur

dreadlocks
Bild: fotolia – #73836363 | Urheber: Vasily Smirnov

Diese Überschrift ist metaphorisch gemeint und ein bisschen ironisch. Im Prinzip möchte ich damit sagen, dass die offensten, angenehmsten und freigeistigsten Menschen, die ich in den letzten 5 Monaten dank Goazin kennenlernen durfte, bis jetzt selten diejenigen mit Pumphosen und Dreadlocks waren. Punkt. Außer Daniel…:-D

Psytrance bedeutet Liebe…meistens

Love Clipartkid

Eine der schönsten Sachen, die ich durch Goazin.de in letzter Zeit verstärkt erfahren durfte. Diese Szene ist wirklich sehr liebevoll, auch über alle intoleranten, engstirnigen und pseudo-esotherischen Schattenseiten hinaus. Natürlich war mir der familiäre Zusammenhalt und der Support auch schon als Floorgänger bewusst. Aber wie viel Support, Feedback und nette Worte und Gesten ich in den letzten 5 Monaten erfahren habe, gleicht jeden einzelnen Kritikpunkt wieder aus. Danke an Pascal, DanielGoaExpress, Marco Venancio, KleyskyArnox / Question of Prog, ov-silence (Sanni & Oli) Makramee & Co, psy7, Freakulized, Thierry Tron (Psyonara Events), Antagon, Mat Mushroom & sein mushroom magazine, VooV, Antaris Project, PsyPolski, Crazy Sungura, das Sommernachtztraum Festival, MAE & MOA, Bianca und ihr Otherworld-Team, Matze Moonray von Budaya, Manula UV, Grille & Elocine, Slackjoint, Rouven „Schrittmacher“ Pohl & die Indian Spirit, Markus, Tobias, Christopher (Herrentags Open Air) und natürlich meine liebe Freundin Anna 🙂 Ohne euch wäre ich nicht mal im Ansatz da, wo ich jetzt schon mit dem Magazin bin. Und davon haben wir alle was, was mich umso mehr freut. Es tut mir leid, wenn ich es immer noch nicht geschafft habe, den einen oder anderen persönlich kennenzulernen. Wenn das alles so einfach wäre, hätte ich es schon getan. Mein Dank geht deshalb auch an Goazilla, Nomatic & Benny Mintech, die schon länger auf ihren Beitrag warten, ohne zu meckern 🙂 Danke für eure Geduld.

Ebenso bedanke ich mich bei allen fleißigen Lesern und den 1.475 Facebook Fans, so wie bei über 30.000 Besuchern, die ich bis jetzt auf Goazin.de begrüßen durfte und die dort insgesamt 61.000 Mal meine Artikel aufgerufen haben. Zögert bitte auch weiterhin nicht, Kontakt mit mir aufzunehmen, Themenwünsche zu äußern, eigene Ideen vorzustellen, oder Gastartikel einzureichen. Danke!

Und übrigens: ALLES ohne einen einzigen Cent an Facebook zu zahlen, oder einen einzigen Fan zu kaufen.

Hier der Beweis: Facebook-Seitenanalyse by Felixbeilharz

Du kannst nicht alles schaffen

Wahrscheinlich eine meiner schmerzlichsten Lektionen. Du wirst es nicht schaffen, alle Anfragen zu beantworten, sollte dein Vorhaben erfolgreich sein. Auch dann nicht, wenn du es willst. Tipps zum Sondieren und Filtern kann ich hier nicht geben. Ich habe einfach damit begonnen, alles chronologisch abzuarbeiten. Wer zuerst fragt, kriegt zuerst seinen Beitrag. Wenn andere nicht auf dich warten wollen, nimm es hin 😉

Hol dir Hilfe, so viel du kannst – aber bettele nicht drum

Es ist Anfangs schwer, Kooperationen aufzubauen. Aber nicht, weil niemand Lust hat, mit dir zusammenzuarbeiten, sondern weil du dich nicht traust, zu fragen. Man muss lernen, hinter seinem Vorhaben zu stehen, was immer es auch ist und dann wird man merken, wie schnell andere sich ebenfalls hinter dein Vorhaben stellen. Doch genauso wichtig ist es zu wissen, wann sich jemand bitten lässt und versucht, aus seiner Hilfe möglichst viel herauszuholen. Kurz gesagt: Bitte um Hilfe, aber probiere ein „Nein“ oder „Vielleicht“ nicht um jeden Preis in ein „Ja“ umzuwandeln.

Ich weiß nicht, ob dieser Artikel irgendeinen Sinn hat. Aber es hat Spaß gemacht, ihn zu schreiben.

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