Tagebuch: Monat 1 – Ein Jahr lang ohne neue Dinge

Nachdem ich mein Buy-Nothing-Year nun vor gut zwei Monaten gestartet habe, bin ich, zugegebenermaßen, sehr naiv an die Sache herangegangen. Doch das hat nicht etwa dazu geführt, dass ich aufgegeben habe 😉 Nein, ich habe mich noch umso mehr mit dem Thema „Konsumgesellschaft“ und meiner persönlichen Rolle, die ich in ihr spiele, auseinandergesetzt. Und die Erkenntnisse, die langsam mehr werden, sind zum Teil ziemlich erschütternd. Zum Großteil aber sind sie sehr motivierend. Ich werde hier mit Abstand nicht alles wiedergeben können, was sich bei mir abspielt und was ich im Rahmen dieses Experiments bisher gelernt habe. Aber ich gebe mein Bestes. Meine Erlebnisse halte ich Monat für Monat in einem Tagebuch fest. Es ist jedoch sehr schwierig, das alles in Worte zu fassen, weshalb ich etwas hinterher hänge. Hier nun das Tagebuch des ersten Monats meines Buy-Nothing-Years.

Woche 1 – Hochmut kommt vor dem Fall

Jeder, der schonmal versucht hat mit irgendwas aufzuhören, der weiss, wie das abläuft: am Anfang ist die Motivation unbeschreiblich groß. Man könnte Bäume ausreißen. Ich für meinen Teil lief nur noch grinsend durch die Gegend – seht mich an, ich bin endlich über die Konsumgesellschaft erhaben. Wunschlos glücklich. Ich brauche nichts mehr, außer meine Spiritualität und mein Menschsein. Ein Humanist von Welt. Denkste…

Nach den ersten zwei bis drei Tagen der Euphorie, in denen ich meine Freunde mit schlauen Zitaten a la

„Unsere Zeit hat eine vortreffliche Manipuliermasse hervorgebracht: die Konsumenten.“ – Paul Schibler

auf den Sack gegangen bin, obwohl ich gerade mal zwei Tage nichts Neues gekauft und mir auf dem Weg zur Arbeit nicht mein typisches Kiosk-Brötchen + Getränk 2 Go gegönnt habe, kam der stets auf den Hochmut folgende Fall. Mir wurde dann recht schnell die Überheblichkeit bewusst, die ich gerade auslebte. Ich betrachtete mich selbst als so klug und kapierte nicht einmal, dass es Leute gibt, die sich nie einen überteuerten Coffee 2 Go leisten und über Monate und Jahre nichts Neues kaufen – schlichtweg deshalb, weil ihnen das Geld dazu fehlt. Nicht, weil sie ein lustiges Selbstfindungs-Experiment machen.

An diesem Punkt wurde mir klar, dass es mehr als geschmacklos wäre, trotz vorhandenen finanziellen Mitteln, so zu leben als hätte ich sie nicht. Ich musste lernen so zu leben als bräuchte ich sie nicht. Das klingt jetzt vielleicht nicht ganz schlüssig, doch das ist es: es konnte nicht mein Ziel sein, mein altes Leben weiterzuleben, nur, ohne Geld dafür auszugeben. Stattdessen musste ich Alternativen finden. Ein neues Leben leben, in welchem Geld nicht die Rolle spielt, die es jetzt aktuell spielt. In dem Dinge eine Rolle spielen, die nicht nur mich betreffen, meine persönlichen Wehwechen, sondern ein Leben neu definieren, das den Herausforderungen gerecht wird, vor denen wir ALLE Heute stehen. Denn von denen gibt es mehr als genug:

Das sind nur die großen Aufrüttler. Wir alle sehen uns im Alltag mit unzähligen Problemen konfrontiert: Die Zivilgesellschaft zersetzt sich. Das Interesse an den Mitmenschen schwindet. Wir müssen Millionen neuer Menschen in diese Gesellschaft integrieren, die aus Kriegsgebieten kommen. Ist es nicht seltsam, dass wir zwar alle über all‘ diese Dinge Bescheid wissen und uns gerne klug und lange darüber austauschen, aber der Anreiz der nächsten Shopping-Tour, der nächsten gedankenlosen Party und des nächsten Hauch Entertainments und Ablenkung immer größer und mächtiger ist? Weil wir meinen, wir hätten uns diese Ablenkung und das Abschalten irgendwie verdient. Dann kam mir ein Gedanke: wovon schalten wir da eigentlich dauernd ab, während wir Dinge tun, von denen wir oft sogar wissen, dass sie scheisse sind oder nichts bringen, während es so viel Wichtigeres gibt? Wir schalten von uns selbst ab. Von unserem Leben. Der erste Schritt in Richtung Ausgang der Konsumgesellschaft führt also über ein Leben, von welchem wir nicht mehr durch Ablenkung, Egopflege und Konsum abschalten müssen. Welches uns an sich so sehr erfüllt, dass wir uns nicht mehr durch Kauf und Status definieren müssen. Die Suche nach der Antwort darauf, wie man so ein menschliches Leben lebt, das ist die mit Abstand interessanteste Frage, die ich seit dem letzten Jahrzehnt meines Lebens beantworten wollte. Durch die viele Zeit, die ich nun plötzlich habe, wo ich auf Shopping & Co. verzichte, habe ich einige dieser Antworten aus der Richtung des Buddhismus erhalten, denn die Teilnahme an diesen Events ist kostenlos. So kam es zu meinem ersten Besuch im buddhistischen Zentrum Hamburg. Die Konsequenz dieses Besuches war mein Artikel „Warum Sinn im Leben wichtiger ist als Glück„. Ich werde vielleicht nie ein sehr religiöser Mensch sein. Aber es verändert das eigene Leben schon enorm, wenn man statt Netflix und Chillen am Abend einfach mal an einer Meditationsrunde teilnimmt. Und wenn es Anfangs nur deshalb geschieht, weil man sich vorgenommen hat, kein Geld mehr auszugeben.

Die Kunst ist es, Wege zu finden, kein Bedürfnis mehr nach all‘ diesen Dingen zu verspüren, von denen wir wissen, dass sie uns und anderen eigentlich nicht gut tun, statt nur auf sie zu verzichten, um irgendwas zu beweisen. Denn es ist ja schon komisch, weshalb es für mich nahezu unmöglich erscheint, auf Alles zu verzichten, was über den Grundbedarf hinausgeht. Wieso brauchen wir alle mehr als Essen, ein warmes Zuhause und etwas zum Anziehen? Wie definieren wir uns dadurch? Warum überhaupt und wie kommen wir darauf, dass wir das „gott“gegebene Recht dazu hätten, während andere nicht die Möglichkeit dazu haben?

Nicht, dass ich diese Fragen nun alle schon beantworten könnte, aber sie tauchten überhaupt mal in mir auf – das erste mal in meinem Leben. Bereits nach nur wenigen Tagen Verzicht auf Geldausgeben.

Ich wunderte mich zu Beginn auch, wieso niemand so begeistert wie ich davon war, dass ich ein Jahr lang darauf verzichten wollte, irgendwas Neues zu kaufen, was über den absoluten Grundbedarf, also Essen, Trinken & Hygiene hinausgeht. Schnell wurden Abhängigkeiten und Erwartungshaltungen deutlich, zum Beispiel in Bezug auf Weihnachten. So viel wir auch immer davon reden mögen, dass Weihnachten ja so sehr „Kommerz“ geworden sei – wir freuen uns doch immer wieder über unsere kleinen Geschenke. Dementsprechend kritisch wurde mein Vorhaben von meinen Freunden und Bekannten aufgenommen. „So kurz vor Weihnachten?“, „Wie willst du das denn machen?“. Schnell wurde klar, dass die „Sorge“ nicht mir galt, sondern dem ihrerseits erwarteten Geschenk von mir, welches mein Bekanntenkreis nun in weite Ferne rücken sah. Ja, jeder hat schon mal gesagt „Dieses Weihnachten schenken wir uns nichts.“ Aber wartet mal auf die Gesichter, wenn ihr das dann tatsächlich in die Realität umsetzen wollt. Das ist auch gar nicht böse gemeint und ich kann das niemandem verübeln. Es ist aber beeindruckend und erschütternd zugleich, wenn man merkt, wie tief die Konsumgesellschaft selbst in unsere engsten Beziehungen vorgedrungen ist. Und wie sie sich überaus effektiv und nachhaltig dort festgesetzt hat.

Es folgten noch vor dem Ende der ersten Woche meines Buy-Nothing-Years erhebliche Zweifel und Gedanken, dieses Experiment abzubrechen. Als Gründe schob ich die Angst vor, dass Freunde von mir enttäuscht sein könnten, wenn ich ihnen nichts schenke. Außerdem wurde mir bewusst, wie eng ich den Begriff „Konsum“ im Vorfeld definiert hatte und wie weit er eigentlich ist. Schnell fragten mich Leute, wie ich das denn mit dem Fernsehkonsum sehe. Eintritt auf Partys zahlen – Ja oder Nein? Ist Spaßgesellschaft gleichbedeutend mit Konsumgesellschaft? Die zunehmenden Selbstzweifel und der Druck, der sich aufbaute und ständig in meinem Kopf anwesend war („Arne, du weisst doch gar nicht, was du hier tust. Nicht, dass hier noch jemand behauptet, du hättest gar nicht wirklich auf Konsum verzichtet, denn immerhin hast du noch deine Lieblings-Serie auf Netflix geguckt.“), waren echt hart. Bis zur zweiten Woche – dann machte sich eine mehr als interessante Veränderung bemerkbar.

Woche 2 – Ich will – und zwar ALLES!

Nachdem die zwei Tage anfänglicher Euphorie, gefolgt von fünf Tagen Selbstzweifeln vorbei waren, an denen ich aber NIE gegen meine selbstauferlegten Regeln verstoßen hatte, wurde es richtig grausam. Ich habe mich schon immer als einen Menschen betrachtet, der bedenkenlosem Konsum kritisch gegenübersteht, kein iPhone besitzt, seit seiner Jugend auf Demos rennt usw. – doch was in der zweiten Woche passierte, das hätte ich nie für möglich gehalten. 24/7 tauchten Wünsche in meinem Kopf auf, die ich jetzt SOFORT unbedingt haben musste, an die ich teilweise all‘ die Jahre vorher noch nicht ein einziges mal bewusst gedacht habe:

  • Nike Airs
  • ein MacBook
  • ein E-Bike
  • einen Kaffevollautomat
  • eine neue Armbanduhr
  • wieso habe ich eigentlich kein eigenes Auto?
  • mein Flatscreen ist doch auch irgendwie schon in die Jahre gekommen
  • Die übergroße Schachtel Marzipan sieht aber mega lecker aus – nur 40,- € – was ein Schnapper
  • ein Beamer für Zuhause
  • neue Xbox-Spiele
  • neue Anzüge, für berufliche Anlässe
  • Krawatten(!)
  • usw.

Das ist nur ein minimaler Auszug all‘ dieser völlig unvermittelt und zusammenhangslos auftauchenden Wünsche in meinem Kopf. Ich dachte sogar das erste mal in meinem Leben daran, Payback-Mitglied zu werden. Lohnt sich ja wohl doch, wenn so viele Menschen da mitmachen. Was mir jetzt alles entging, nur wegen des dämlichen Experiments, das ja eh keinem was bringt. Ein Jahr nichts kaufen. Wer kommt auf so einen Scheiss? Es war beängstigend, vor allem da noch nie zuvor in meinem Leben so ein riesiger Drang da war, Dinge zu kaufen wie seit dem Moment an dem ich beschloss, eben genau das nicht zu tun. Und mir war ganz plötzlich auch klar warum: bis jetzt habe ich diesen Drang immer befriedigt. Mit vielen kleinen und völlig sinnlosen Mini-Einkäufen. Jeden Tag. Deshalb habe ich auch noch nie seine Entzugserscheinungen gespürt. In diesem Moment wurde mir das erste mal klar, dass ich süchtig bin. Süchtig danach, mein Leben durch Dinge zu definieren, die über den Sinn, den ich im Leben bisher gefunden habe, hinausgehen. Schlichtweg, weil ich ihn noch nicht gefunden hatte. Ich hatte richtige Entzugserscheinungen und fing an zu Schwitzen bei dem Gedanken, ein neues Paar Schuhe oder eine neue Uhr über den Kassenscanner zu ziehen. Das Abziehen der Folie vom Bildschirm eines neuen Handys. Feuchte Träume. Und das war vorher NIE so. Ich hatte für all‘ die Dinge, die ich oben aufgezählt habe (außer der Xbox), noch nie wirklich Interesse übrig. Ich trinke nichtmal Kaffee, wollte aber trotzdem so eine Maschine kaufen. Vielleicht wollte ich ihn ja gerade jetzt plötzlich zum ersten mal probieren. Und wenn schon, dann bitte aus einem hochwertigen Automaten. Kurzum: die Sucht gab sich das erste mal in meinem Leben bewusst zu erkennen. Die Sucht nach Ablenkung, Entertainment und Konsum. Flucht vor mir selbst und dem unterbewussten Wissen darum, dass ich nicht so handle wie ich es eigentlich müsste. Nicht entsprechend irgendeines Gesetzes oder irgendeiner Moral. Sondern entsprechend meiner persönlichen Überzeugungen. Meine „Wasser predigen und Wein trinken“-Momente wurden deutlich. Mal abgesehen davon, dass ich in der Werbebranche arbeite und gegen Konsum wettere 😀 Und das war großartig, denn von nun an war der absolute Wille da, diese Sucht loszuwerden. Das war der eigentliche Startschuss zu meinem Buy-Nothing-Year. Nicht der selbstgerechte und von scheinbarer moralischer Überlegenheit geprägte Ansatz „Ich kaufe jetzt ein Jahr nichts und zeige euch wie toll ich bin.“

Diese Erkenntnis wurde von einem Zitat begleitet, das ich in der zweiten Woche kennenlernte und worüber ich sehr viel nachdachte.

„Die ganze Geschichte der menschlichen Selbstgerechtigkeit beweist, dass der Mensch sich selbst nicht danach beurteilt wie er handelt, sondern nach seinem besseren Wissen, wie er handeln sollte.“ – Barthold Georg Niebuhr

Ich denke, dass jeder Momente und Situationen in seinem Leben kennt, in denen er gegen Dinge verstößt, von denen er oder sie eigentlich selbst überzeugt ist, die man anderen gepredigt hat oder Ähnliches. Wir alle neigen dazu, unsere für uns subjektiv als „schlecht“ empfundenen Taten vor uns selbst zu rechtfertigen. Und zwar anhand der Tatsache, dass wir es ja eigentlich besser Wissen. Nur dieses eine mal noch. Das ist schon nicht so schlimm.

Woche 3 & 4 – entspann‘ dich und mach‘ einfach

Zu Beginn der dritten Woche wurde alles ein wenig ruhiger. Ich hatte mich mittlerweile daran gewöhnt, kein Handy mehr bei mir zu haben. Andere nervte das natürlich gelegentlich noch, aber das liegt nicht in meiner Verantwortung. Ich machte mir auch nicht mehr so viele Gedanken darüber, ob ich nun auch alles berücksichtige und keiner mich mehr kritisieren kann, denn das würde eh immer irgendjemand tun. Ob ich nun noch Netflix schaue, mal Musik höre oder im Sommer auf Festivals fahre, oder nicht – meiner Überzeugung und meinem Engagement dafür, nachhaltiger, fairer und um 200% bewusster in dieser Konsumgesellschaft zu leben, schadete all‘ das nicht. Auch wenn ich Abends eine Folge „Better call Saul“ gucke mindert das nicht die Qualität und den Anspruch meines übrigen Vorhabens.

Folgende Einsparungen waren mittlerweile Routine geworden:

  • Kein Essen & Trinken 2 Go mehr Einsparungen pro Monatetwa 160 Euro
  • Kein Handyvertrag + Handy mehr – Einsparungen pro Monatetwa 50,- Euro
  • Kein typisches „Gehaltseingang am 1.“-Shopping mehr, bei dem man sein neues Gehalt wie im Wahn für irgendwas Neues ausgeben muss. Stattdessen ging das Geld direkt aufs Sparkonto – Einsparungen pro Monatetwa 100,- Euro
  • Kein Geld mehr für Süßkram – Einsparungen pro Monatetwa 50,- Euro
  • Das bewusstere Einkaufen etc. führte dazu, dass ich nur noch ca. 50% des vorherigen Mülls produziere, weniger als die Hälfte der Menge an Fleisch esse als noch vor drei Wochen, nur noch Wasser und keine aromatisierten und gezuckerten Säfte mehr trinke und kein Hormon-Shampoo mehr nutze usw. – Einsparungen pro Monat: etwa 200(!) Euro
  • Kein Geld für Partys & Events – 130,- €

Ja, ich habe in der Tat 590,- € mehr pro Monat übrig gehabt als vorher. Doch das war für mich nicht der entscheidende Wandel. Der spannendste Wandel war die Tatsache, dass mein Kopf angefangen hatte Belohnungshormone auszuschütten, sobald ich etwas NICHT kaufte. Es war komplett verdreht. Kaufen löste keine Freude mehr aus, sondern jede Alternative, die ich dazu fand. Das bewusste Einkaufen und Essen hat außerdem dazu geführt, dass ich viel öfter koche und mich mehr damit befasse, was ich esse. Dadurch ist wiederum mehr Zeit als vorher verplant, in der ich mich sonst mit belangloser Scheisse abgelenkt hätte, die im schlimmsten Fall auch noch dieser Welt und anderen Menschen schaden könnte. Ich fühlte mich das erste mal seit langer Zeit wieder richtig gut. Voller Tatendrang, neue Dinge auszuprobieren.

Gleichzeitig stellte ich alles infrage, was mir vorher als selbstverständlich erschien. Was ich glaube, welche Werte ich habe und vertrete, ich überdachte meine Berufswahl usw. – alles Dinge, von denen viele Menschen meinen, sie wären bereits entschiedene Sache und unveränderlich. Doch jetzt, wo ich mich nicht mehr durch sinnlose Dinge definiere, sondern durch handfestes Tun und Sprechen, sind all‘ diese Dinge plötzlich wieder von viel größerer Bedeutung. Und sie führen mich zu Gedankengängen, die ich vorher noch nie hatte. Schon lange hatte ich nicht mehr so viel geschrieben und im Beruf so viel Leistungsfähigkeit erreicht. Je mehr ich aus dem Konsum ausstieg, desto zufriedener wurde ich und desto mehr Kraft hatte ich, neue Dinge zu tun, die einem vorher zwar auch schon im Kopf rumschwirrten, aber spätestens dann abgehakt waren, wenn man nach dem Arbeitstag wie ein Sack Wasser aufs Sofa gefallen war: ehrenamtliche Arbeit, ein Buch lesen, an eigenen Texten arbeiten, einem Freund ein offenes Ohr schenken – diese Dinge wurden zum neuen Konsumobjekt. Es verschoben sich plötzlich viele Prioritäten. 

Die Serien am Abend wichen zunehmend Dokumentationen oder dem Lesen eines Buches. Ich sah viele Dokus über die Konsumgesellschaft, die Umwelt, die verschiedenen Kulturen auf dem Planeten usw. – aber nicht, um wieder in eine Lethargie zu verfallen („Alles Scheisse!“, „Wir werden alle manipuliert“, „Die Welt ist böse“ usw.), um so wieder eine Rechtfertigung dafür zu finden, wenn man sich doch mal wieder gehen lässt und auf alles scheisst, außer auf sich selbst. Oder um klugscheissen zu können, geschweige denn eine moralische Überlegenheit zu erlangen. Nein, es war viel simpler: ich war ungeheuer wissbegierig geworden. Ich wollte lernen. Über den Tellerrand blicken. Auch, um Motivation zu tanken, weiterzumachen. Denn da ist soviel mehr in der Welt, für das es sich lohnt aufzustehen und sich selbst immer wieder neu zu entdecken. Weit mehr als Festivals, Afterhours, das neue iPhone usw. Gleichzeitig setze ich mich immer weniger unter Druck, in allen Aspekten des Alltags, denn mein Gewissen wurde reiner. Jeder von uns weiss, was wir mit unserem Konsumverhalten anrichten, wie viele Menschen in Armut leben, damit wir so leben können wie wir leben. Doch ich kann nun immer mehr von mir behaupten, dabei nicht mitzumachen und sogar aktiv nach Wegen zu suchen, sich dagegen zu engagieren. Und der ständige innere Druck, die direkten und indirekten Erwartungshaltungen anderen Menschen gegenüber, egal ob fremd oder nicht, wichen dem Bewusstsein darüber, dass ich tue, was ich kann. Früher war da immer der Gedanke „Tue ich auch wirklich alles, was ich kann? Tue ich nicht zu wenig? Arbeite ich hart genug?“ – da man ohne sinnlosen Konsum recht schnell merkt, dass all diese Selbstzweifel Triebfedern des eigenen Konsumverhaltens sind, schaltete ich solche Selbstzweifel relativ schnell ab. Auch, wenn sie regelmäßig wiederkehren.

Leider habe ich bezüglich „Arnes Kampf für soziale Gerechtigkeit“ bisher nicht viel mehr erreicht, als das neu eingesparte Geld zum Teil an Vereine zu spenden, aber das ist immerhin ein Anfang. Auch ist es ein persönlicher Fortschritt für mich, denn es fiel mir überhaupt nicht schwer, das Gesparte nicht vollends für mich zu behalten, sondern es für andere Menschen und sinnvolle Dinge auszugeben. Dieses ständige „Entweder oder“, also „Entweder Sinn oder Glück“, „Entweder Spaß oder soziales Engagement“ usw. ist verschwunden. Es kommt mir nicht mehr wie ein Verzicht auf Lebensqualität oder Stress vor, mich auch nach Feierabend nicht nur mit mir und meinen Wünschen zu beschäftigen, sondern mit der gesellschaftlichen Realität. Ich habe gelernt, dass Glück aus dem selbst gefundenen Sinn heraus erwächst – nicht andersherum. Und dass wir oft nur kaufen und konsumieren, weil wir eben das Gefühl haben, nicht genug Glück im eigenen Alltag zu finden. Doch wir haben nicht zu wenig Glück. Wir haben zu wenig Sinn im Leben. Ich habe außerdem in der vierten Woche das Experiment „102 Fragen, die man sich stellen sollte“ gemacht – sehr interessant. Kann ich jedem empfehlen, der was über sich lernen will.

Aber nicht Alles war positiv. Einige Freunde begehen zunehmend, den Kontakt zu mir zu verlieren, was ich sehr traurig finde, da mir im Prinzip nur mein Handy fehlt. Sonst nichts. Mir wird immer mehr klar, wie viel in unserem Alltag wir gerne an irgendwas abgeben – vor allem unsere Verantwortung. Ich weiss bis jetzt nicht, ob es einige wirklich ärgert, dass ich mein Handy nicht mehr habe, oder ob es sie ärgert, dass sie dadurch merken, dass unser Kontakt aus nichts außer einem Handy bestand. Seit Monaten und teilweise sogar Jahren.

Aktuell bin ich dabei, neue Interessen zu finden und mein Alltag mehr und mehr sinnvoll zu gestalten, ohne dafür Geld ausgeben zu müssen. Denn die wenigsten Dinge, die einen wirklich erfüllen, kosten Geld. Ich bin kein neuer Mensch und auch nicht besser als vorher. Aber ich verändere mich bereits. Und zwar enorm. Nur die Eigenschaft, dass ich immer das Dreifache von dem plane, was ich überhaupt schaffen kann, bin ich noch nicht losgeworden. Ich verzettele mich abundzu mit all‘ der neuen Freizeit, die ich nun habe. Ich nehme mir Hundert Dinge vor und setze dann oft nichts davon um. Zum Beispiel brauche ich einen Schreibtisch für Zuhause und bin handwerklich mega unbegabt. Also habe ich mir überlegt, dass ich einer Tischlerei meine Arbeitskraft anbiete und dafür dort meinen neuen Schreibtisch unter Anleitung herstellen darf. Einen Tag später wollte ich dann in der Suppenküche helfen und dann wieder eine Website bauen, auf der ich jedem meine Hilfe anbiete, der sie braucht und einem Menschen pro Tag helfen. Umgesetzt habe ich bisher nichts davon. Aber die Gedanken, die bei Langeweile aufkommen, sind meilenweit von denen entfernt, die ich noch vor einem Monat hatte. Das Sprichwort, das mir Kleysky einmal bewusst gemacht hat, da er es am Hals mit Tinte unter der Haut trägt, gewinnt für mich an Bedeutung: Acta non verba. Tun, nicht reden. Oder wie Buddha es ausdrückt:

„Es nützt nichts, ein guter Mensch zu sein, wenn man nichts tut.“ – Buddha

Aus „Erstmal eine Runde zocken.“ wurde „Erstmal eine Runde helfen – wem auch immer.“ Aus „Dieses oder Jenes will ich haben.“ wurde „Dieses oder Jenes will ich tun – für mich und immer auch für andere.“. Allgemein hat der Aspekt „Was tue ich damit auch für andere Menschen“ einen viel, viel größeren Bereich meines Lebens eingenommen als vorher. Nach einem Monat ohne Konsum kann ich stolz behaupten, dass ich wieder viel rücksichtsvoller geworden bin, mehr Verständnis aufbringe und mich nicht mehr so leicht provozieren lasse. Ich bin insgesamt ruhiger geworden, aber nicht fauler bzw. antriebsloser. In der Ruhe liegt die Kraft. Nach einiger Zeit ohne Konsumgesellschaft fange ich an zu verstehen, was das bedeutet. 

Nächsten Monat folgt das nächste Tagebuch. Vllt. wirkt einiges auf euch zusammenhangslos oder wirr. Das liegt daran, dass ich kein bestimmtes Ziel verfolge. Ich schreibe auf, was ich erlebe und möchte euch vielleicht ein wenig dazu motivieren, selber derartige Erfahrungen ins eigene Leben zu holen. Aber ich verfolge dabei keine Strategie. Ich bin sehr zuversichtlich, dass der rote Faden von selbst kommt, je länger ich dieses Selbstexperiment mache. Der Start ist auf jeden Fall geglückt. Nun muss ich daran arbeiten, weniger theoretisch an das Ganze heranzugehen und die Dinge einfach zu tun.

3 Gedanken zu „Tagebuch: Monat 1 – Ein Jahr lang ohne neue Dinge

  • 28. November 2017 um 18:10
    Permalink

    Hut ab – Glückwunsch – DANKE

    Antwort
  • 4. Dezember 2017 um 12:02
    Permalink

    Super Artikel:) Dort erkenne ich viel von dem wieder, was in meinem Leben vorgeht und habe zudem einige kleine Stellen gefunden, die mir persoenlich weiterhelfen, meinen Sinn zu finden. Falls du es noch nicht kennst: Ekkard Tolle-A brave new world kann ich dir sehr empfehlen.

    Antwort
    • Heddi
      4. Dezember 2017 um 12:42
      Permalink

      Moin Matti,

      Danke für den Tipp 🙂 Aber durch den lieben Herrn Tolle bin ich erst zu dieser ganzen Thematik gekommen, also seine Werke sind mir vertraut. Es freut mich sehr, dass du was Kleines für dich mitnehmen konntest, denn genau dafür ist der Artikel da.

      Liebe Grüße

      Antwort

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