Titelbild von Marc Brueneke

READ English Version of Neelix Interview

Neelix aus Hamburg im Interview mit Goazin.de

Es ist eine spannende Sache für mich, in so einem frühen Stadium meines kleinen Hobby-Magazins die Möglichkeit zu bekommen, einen Live-Act & Produzenten wie Neelix zu interviewen und mal ein bisschen hinter die Kulissen zu schauen. Nicht wegen seiner Fanbase, seines Bekanntheitsgrades, oder seiner Brille. Sondern wegen seiner Musik und seines eigenen, mittlerweile weltweit bekannten Sounds, der den Psytrance und Progressive Trance in und aus Hamburg geprägt hat und weil er dabei auch politische Statements und Botschaften nicht scheut. Mal ernst, mal ironisch. Kleine Anekdote dazu: wenn er den Track You Can Change The World“ live spielt, dreht er immer den Bass raus, bis die Stimme sagt „we could stop eating animals“. Dann dreht er ihn wieder rein, in der Hoffnung, dass das vllt. irgendeinen Trigger auslöst, der das Publikum zukünftig daran hindert, Fleisch zu essen. Ebenso gefällt mir, dass er Erfolg, so wie den Wert der eigenen Kunst, nicht nur anhand von vollen Floors misst. Obwohl er das durchaus könnte.

Direkt zum Interview mit Neelix springen.

Neuester Neelix Release „On My Own“

Also machte ich mich auf den Weg zum Studio, in direkter Nachbarschaft zu Künstlern wie Kularis, Fabio & Day.Din. In einem Magazin, das auch ein bisschen den Anspruch hat, die verschiedenen Sub-Genre Grüppchen enger zusammenzubringen, gehört Neelix einfach dazu. Der heißt übrigens Henrik und seine Klangwelten, der bekannte „Neelix Sound“, sind ein sehr gelungener Hybride aus Progressive Trance, Psy und einer großen Portion Elektro & Kreativität. Für Henrik ist Musikproduzieren wie eine Art Therapie. Viele verarbeiten Erlebtes beim Malen von Bildern, er macht es mit Musik. Dafür steht heute symbolisch die Brille als Markenzeichen, für die er als Kind gehänselt wurde.

Neelix Tomorrowland
Neelix brachte Sound aus Hamburg sogar schon aufs Tomorrowland – viele beschwerten sich darüber, weil Psytrance und Progressive Trance nicht zum Publikum passen würde. Wer entscheidet sowas eigentlich?

Als ich ankam war er gerade dabei das Cover für seinen anstehenden Release „On my Own“ zu bearbeiten und offenbarte damit direkt eine seiner größten Vorlieben; Lost Placeszerstörte, von der Menschheit verlassene Orte. Sie zieren fast jedes seiner Cover. Seine Mutter sagte ihm mal, dass sie das traurig macht. Seitdem versteckt er eine kleine Gänseblume in fast jedem Design. Nur eines der vielen kleinen Details. Vom Bruder in der Punk-Szene, dessen Stimme er zum Gedenken an ihn regelmäßig in seinen Produktionen verwendet (z.B. bei „Vök – Before – Remix by Neelix“ ab 2:57 Minuten, oder im Outro ab 8:02 Minuten. Auch am Ende des neuen Sets „On my own“ spricht sein Bruder), bis hin zu einer längeren Graffiti-Episode, in der er fast jede Nacht unterwegs war.

Neelix Sound – was ist das eigentlich?






Neben eher typischen Trance-Einflüssen, finden auch viele House und Elektro Elemente Anwendung. Aber soundtechnisch ist Neelix ein absoluter Praktiker und kreativer Genre-Freigeist, mit wenig Leidenschaft für Theorie und unbedingten Erfolg. Und genau deshalb blieb dieser auch nicht aus.

Nur wenige Hamburger Künstler erfahren in der Szene und auch weit darüber hinaus, weltweit so viel Aufmerksamkeit wie Henrik. Auch, wenn er das abundzu gerne abstreiten würde. Aber als bekennender Nerd, mit Interesse an Quantenphysik & Voyager, freut er sich natürlich, wenn in Los Angeles plötzlich Dan Aykroyd, Schauspieler aus dem original Ghostbusters Cast, im Avalon zu ihm auf die Bühne kommt und zu seiner Musik abfeiert. Er selbst bezeichnet seine Produktionen auf jeden Fall ungern‘ als Psytrance, oder Proggy. Und nach ein paar Stündchen in seinem Studio weiß ich, woran das liegt: es ist Keiner.

Seine Musik ist frei von Genre-Selbstbeschränkungen, die sich viele Künstler & Produzenten heutzutage ja nur allzu gerne selber aufbürden (lassen). Beim Stampfen bewährte Grundmuster haben sich in der Szene stark festgesetzt. Dabei ist gute Musik auch mal die, zu der man nicht abgehen kann. Nicht abgehen muss. Weil sie etwas rüber bringt, das mehr bewegt als die Beine. Natürlich aber kann und will auch er darauf nicht komplett verzichten. Warum auch?

„Progressive“ bedeutet übersetzt schließlich „fortschrittlich“ und Fortschritt bedeutet Vielseitigkeit und Entwicklung. Nicht etwa Festhalten an altbewährten Klangstrukturen. Das macht den Neelix-Sound aus; Musik als Selbstzweck und nicht als Mittel für den Erfolg.

Neelix auf dem Universo Paralello in Brasilien
Neelix auf dem Universo Paralello in Brasilien – Foto: Neelix Facebook

Es ist sicher nicht im Sinne des Erfinders, wenn Vielfältigkeit und ein eigenes Verständnis von Musik zu Kontroversen führen. Triplets, bpm, Dark, Hi-Tech, Proggy, Hamburger Sound, Psy – es ist und bleibt Geschmackssache.

Deshalb sind Stilrichtungen für mich und mein Magazin von Anfang an irrelevant gewesen. Und bei Henrik habe ich irgendwie denselben Eindruck. Es geht um die Musik, Emotionen und die Kreativität, die diese Szene ausmachen. Deshalb habe ich Neelix interviewt.

Henriks musikalischer Werdegang

Neelix Phaxe Morten Granau Fabio
Neelix, Fabio, Morten Granau & Phaxe- Foto: Neelix Facebook

Seine ersten musikalischen Schritte machte er 1995, mit dem Mixen von Platten. Aber nur Zuhause. 1996 sollte sein erster Auftritt sein, aber davor hatte er vor Ort dann zu großen Respekt und kam einfach nicht an die Decks. Alex, heute auch bekannt als Nok, musste damals für ihn ran. Und das, nicht gerade nüchtern. Sehr sympathisch, finde ich. Kennengelernt haben die Zwei und auch Fabio (Fusco / Fabio & Moon) sich übrigens schon vor mehr als 20 Jahren beim Skaten am Jungfernstieg.

Henrik alias Neelix beim Skaten 1990
Henrik macht einen „OneFoot“ beim Skaten – ca. 1990

Psytrance war damals eigentlich noch nicht so das Thema, Musik am PC eher uncool. Rockmusik war angesagt. Aber kreativ wollten sie schon immer sein. Ob nun als Maler, mit ein paar eigenen Graffitis, oder später dann mit der Musik. Und Psytrance hatte sich damals eben angeboten. Neu, unbefleckt und kreativ. Und vor allem: ausbaufähig!

Nachdem es mit dem Auflegen anderer Musik nicht klappen wollte, begann er einfach gleich damit, eigene zu produzieren. Zum Glück. 1998 begann das Ganze langsam an Fahrt aufzunehmen und 2002 gab es schließlich den ersten offiziellen Release, auf dem Sampler „Maverixx“ von NOVA TEKK.

Neelix erster offizieller Release 2002, NOVA TEKK compilation „Maverixx“

Seitdem hat er viel erlebt, von einem Booking auf dem Tomorrowland, bis hin zu einem Wald in Mexiko, der plötzlich hinter der Stage zu Brennen anfing. Und als die ersten Besucher vom Floor rannten und erschrocken guckten dachte er, es läge an seiner Musik. Bis erst dann sah, dass alles hinter ihm brannte.

Seit nunmehr 12 Jahren bringt Henrik nicht nur seine Heimat, sondern auch die Kontinente zum Stampfen. Aber nur halb so viel zum Nachdenken, wie er gerne würde. Ob Los Angeles, New York, Melbourne, Gemischtwaren in Hamburg, Universo Paralello, oder EDC in Las Vegas – Die verspielte Symbiose aus Progressive Trance, House, Electro und Psytrance ist einzigartig und kommt an. Einer seiner Signature Sounds, der auch in Produzenten-Communitys viel diskutiert wird, ist die „Neelix-Bassline“. Wie die ungefähr funktioniert, verrät dieses Tutorial.

Das soundtechnische & musikalische Know-How von Neelix konnte mich dann unter anderem mit dem neuen Release, der „Mosquito“ EP wieder einfangen.

Im wahrsten Sinne des Wortes. Was Henrik da mit allen Mitteln, die einem Produzenten zur Verfügung stehen, aus seinem Sound und auf allen Frequenzen herausholt, ist schon beeindruckend. Auch, wenn er selber den Track „kaputt-gemastert“ hätte, wie er sagt. Hört einfach selbst. 






Der Karriereaufschwung fing 2005 mit „No Way To Leave“ an. Die ersten internationalen Bookings kamen dazu. Während des letzten Jahrzehnts hat die Musik von Neelix zahlreiche Produzenten inspiriert, sie findet sich in den Sammlungen unzähliger DJs, in Filmproduktionen und in den Katalogen von renommierten Labels, nicht zuletzt natürlich in dem seines aktuellen Labels Spin Twist Records.

Er sagt selbst, dass es zwei Hauptgründe für das Produzieren von Musik gibt; die emotionale Vielseitigkeit & den Dancefloor. Leider aber sind diese Beiden oft schwer zu verbinden. Wie bei jedem Produzenten, lag Neelix‘ Augenmerk vorerst auch auf dem Floor und seiner Euphorie, denn dort bekommt man immer direktes Feedback auf seine Produktionen. Doch im Laufe der Jahre gewann für ihn der Fokus auf die Emotion und Kunst an sich mehr und mehr an Bedeutung.

Warum Psytrance ihn heute ein kleines bisschen nervt, was er angehenden und neuen Produzenten für Equipment und Tipps empfiehlt, was da eigentlich in Brasilien los ist (oder war?) und wie damals Alles anfing, mit dem Produzieren und so, das erzählt er euch in einem lesenswerten und sympathischen Interview mit Goazin.de.

Suchbild – eine Gänseblume auf jedem Cover

Phaxe Angels of Destruction Neelix Remix Cover

Interview mit Neelix

NeelixEin gemütlich eingerichtetes Studio hast du da.

„Soundtechnisch ja, auf jeden Fall. Aber ich bin ehrlich gesagt gerade dabei, meine Zelte hier abzubrechen und einfach von Zuhause aus zu produzieren, oder wo ich eben gerade bin.“

Wieso das?

„Ein Bunker erinnert immer an unschöne Dinge. Irgendwie merkt man die Angst, die die Tausenden von  Menschen hier mal hatten und mich inspiriert das nicht wirklich. Da sitze ich lieber am Küchentisch Zuhause, trinke einen Tee und schaue mir ein Baum an. Ist also wieder Heimproduktion angesagt, wie am Anfang auch.“

Wo du von Anfängen sprichst; du bist jetzt seit gut 20 Jahren musikalisch dabei. Wie betrachtest du das Ganze im Moment. 

„Zum Teil ein bisschen eintönig und zu stark fokussiert auf den Floor. Aber das ist auch überhaupt nicht schlimm und ja auch nichts, was nicht schon oft genug diskutiert wurde. Ich produziere ja auch immer mal wieder komplett abseits vom Floor, auch wenn das dann nicht immer releast wird. Zum Ausgleich brauche ich das. Im Grunde ist es einfach so; als Offbeat kam, haben Viele Offbeat gemacht, als Triplets kamen, haben halt viele Triplets gemacht. Ist auch ok, aber die Innovation und Kreativität…naja, die bleibt dabei ein wenig auf der Strecke. Ich habe dir ja eben was gezeigt, was ich mal frei von der Leber produziert habe. Dazu kannst du halt nicht stampfen, aber es ist schön und anders. Ich finde es wichtig, sich als Musiker und Produzent immer weiterzuentwickeln und nicht immer wieder auf bereits bewährte Grundstrukturen zurückzugreifen, nur um bloß keinen Fehler zu machen. In der Kunst gibt es keine Fehler. Aber wenn immer mehr Menschen mit dem Anspruch „berühmt und erfolgreich“ zu werden loslegen und nicht um der Musik willen, dann bleibt Weiterentwicklung aus.“

Aber als jemand, der auch mal auf dem Tomorrowland aufgelegt hat und auch auf dem Airbeat One, bist du ja dran gewöhnt, auch sehr tanzbare Sachen zu produzieren. Wie siehst du das mit dem „Kommerz“ denn selber?

„Ja das stimmt, natürlich gibt es auch Tracks von mir, die gut auf dem Dancefloor ankommen. Wie bei vielen Produzenten, lag mein Fokus auch lange dort. Es gibt wenig Mittel und Wege, so direkt Feedback darauf zu bekommen, ob dein neuer Track funktioniert oder nicht. Ein durchdrehendes Publikum ist da ein toller Indikator, gerade wenn man anfängt Musik zu machen. Und das ist auch immer wieder ein tolles Erlebnis. Aber eben nicht der einzige Zweck meiner Musik. Sie sollte nicht leer, inhaltslos und einfältig werden, nur damit sie tanzbar bleibt. Sein Ego nur nach dem Floor zu definieren, ist sehr schädlich.“

Meinst du, viele Künstler werden nach dieser Bestätigung „süchtig“?

Es ist nicht nur das Ego, nach dem man süchtig werden kann. Vieles im Alltag ist nur noch auf Verlangen und nicht auf Nutzen ausgelegt. Das Essen zum Beispiel. Ständig essen wir Sachen die uns schmecken. Fragen gar nicht nach ob es gut für uns oder die Umwelt ist. Süßigkeiten hier, Cola da. Döner zu Mittag, Frikadellen zum Abendbrot.

Ich bin drauf und dran eine App programmieren zu lassen auf der es nur zwei Tasten gibt. Eine Grüne. Immer dann drücken wenn etwas zu sich genommen wurde was gebraucht wird. Wasser, Gemüse, Obst. Und Rot für alles andere. Schokolade, Limonade und Chips usw. Am ende des Tages gibt es dann eine Tabelle mit einer Trendlinie.

Wenn du es geschafft hast am ende des Tages mehr Grün als Rot gedrückt zu haben, war es ein erfolgreicher Tag. Die Umwelt ist geschützt, deinem Körper geht es gut usw. Leider werden so viele tatsächlich nur rot gedrückt haben. Nur Rot, den ganzen Tag. Cola, Burger, Fritten, Bratwurst usw. Sie merken gar nicht wie viel sie aus wollen handeln, und nicht mehr weil sie es brauchen. Wie oft tust du etwas weil du es brauchst, und wie oft weil du es willst? Es gibt ein interessantes Zitat von Khandi was hier gut passt:

“The world has enough for everyone’s need, but not enough for everyone’s greed.”

Glaubst du abundzu vielleicht, dass du in der falschen Szene gelandet bist?

„Ja, abundzu scheint es ein bisschen so *lacht*. Nein, natürlich nicht. Die Jahre in Brasilien, die Anfangszeit in Hamburg – das alles hat mich, meine Kunst und mein Leben sehr bereichert und ich werde es auch niemals eintasuchen wollen. Aber das Problem ist, dass irgendwann so eine Art Prototyp „Neo-Hippie“ die Musik für sich entdeckt hat. Überspitzt gesagt. Und das Ding mit einigen von ihnen ist, dass sie nicht so relaxt und frei sind wie es scheint. Ganz im Gegenteil, einige sind sehr konservativ, was ihre Meinung und Selbstgerechtigkeit angeht. Das beste Beispiel ist das Tomorrowland. Da wird man online kritisiert, weil man für „diese Menschen“ auflegt. Dabei war es eines meiner persönlichen Lieblings-Festivals und die Leute auf dem Psytrance Floor waren super. Wer entscheidet denn, wer die Musik hören darf und wer nicht?“

Wann hat das mit der Musik allgemein so angefangen?

Flyer von Neelix erstem Auftritt
Der Flyer vom ersten Auftritt

„Hier, der erste Flyer. 1996, Dj Hennit hieß ich da. Und Dj Alex, das ist Nok. 1995 habe ich angefangen Musik zu machen. Das kam durch einen Freund, der damals wie heute immer schon viel mit Musik rumgemacht hat. Das hatte damals noch kaum etwas mit Psytrance zu tun. Es Gibt auch noch Videos, auf denen bitten uns die Gäste darum aufzuhören auf dem Keyboard Melodien zum Live Set zu klimpern. So waren Live Auftritte früher *lacht*. Ich hatte so ein Bammel vor dem Abend, dass ich mich gar nicht getraut habe aufzulegen. Habe damals Alex (Nok – Anm. d. Red.) vorgeschickt. Danke Alex.“

Wie kam es dazu, dass ihr alle anfingt, Psytrance zu produzieren?

„Alex, Fabio und ich waren damals oft Skaten und wir haben halt einfach ein bisschen mit Plattenspielern rumexperimentiert, wollten unbedingt auflegen und so. Und dann kam irgendwann jemand, der sagte dann, dass wir unbedingt mal Psytrance auflegen müssten. Das war um 1994 / 1995. Hörte sich damals in meinen Ohren noch richtig schräg an. Bass & Melodie waren auf jeden Fall oft nebensächlich. Hatte natürlich auch seinen Charme. Gleichzeitig kam dann auch der Club Goa auf. Alles nicht so ganz das, was ich auf Dauer auflegen wollte. Also musste ich die Musik, die ich auflegen wollte, erst Mal selbst produzieren. So ging es dann los mit Neelix.“

Wie hast du dir das damals beigebracht?

„Ein Gewisses Grundinteresse an Musik und klassisches Produzenten-Selbststudium. Aber bis zum ersten offiziellen Release sind dann schon noch ein paar Jahre vergangen. Anfangs waren Alex und ich auch noch zusammen „Neelix“. 2002 kam dann der erste Release (Hier gibt’s den Track). Das mit der Musik hat sich also so eingeschlichen. Was Kreatives sollte es aber schon immer sein. Ursprünglich mal Filmemacher und Maler. Ich habe ja auch schon 10 Jahre im Bereich „Film“ gearbeitet und das damals für das Produzieren aufgegeben. Wer weiß, vielleicht mache ich das in 5 – 10 Jahren ja wieder. Einen Film zu produzieren, ist auf jeden Fall ein großer Wunsch.“

Was kannst du angehenden, oder neuen Produzenten aus 20 Jahren Erfahrung mit auf den Weg geben?

„Höre nur auf die Leute, die so sind wie du werden willst. Nicht auf die, die so sind, wie du nicht werden willst. Und scheue dich niemals jemanden anzuschreiben, von dem du irgendwas wissen willst. Ohne Mist, ich habe schon jeden angeschrieben. Daft Punk, Michael Jackson, alle möglichen Menschen. Die antworten zwar nicht immer. Aber es geht ums Prinzip. Bestes Beispiel ist mein neues Cover. Das ist ein offiziell prämiertes Bild, das normal keiner verwenden darf. Aber ich habe den Urheber einfach nett angeschrieben und er hat es erlaubt. Vielen Dank an Martin Stranka, an dieser Stelle.“

Welches Equipment empfiehlst du zum Start?

„Für jemanden der neu anfängt zu produzieren? Kauf‘ dir kein Studio, kauf‘ dir kein teures Equipment. Kauf‘ dir Kopfhörer, am besten von Audio-Technica, oder Sennheiser HD 25  – irgendwelche Kopfhörer, die wenigstens ein bisschen gut sind. Dann holst du dir Sonarworks, für das Kalibrieren der Kopfhörer. Und dann legst du los. Mit ein paar Fragen sollte man sich noch beschäftigen. Was ist Sidechaining, wie funktioniert Raumaufteilung. Wenn man ein Theater hat, stehen die alle irgendwo verteilt herum und ergeben ein Gesamtbild. Das Theater ist der Raum den du hast, so wie dein Ableton, oder welche Software auch immer. Und jetzt verteil‘. Die eine Hi-Hat nach hinten links, die andere Hi-Hat nach rechts Vorne, die offene Hi-Hat eher mittig. So schaffst du Raum für Kick & Bass in der Mitte. Aber alles muss man gar nicht wissen. Vor kurzer Zeit habe ich erst gelernt, was eine Additive und was  eine subtraktive Klangsynthese ist. Frag mich nicht.“

Tipp der Redaktion: Tutorials von deadmau5 sind auch immer sehr gut.

Und wie arbeitest du heute?

Mit Logic Pro. Ein bisschen mehr und höherwertiges Equipment, bei dem ich die Hälfte der Knöpfe und Lichter bis heute nicht verstehe. Ansonsten meistens noch wie damals. Und man sollte unzufrieden bleiben. Nur, weil man was geschaffen hat, heißt es nicht, dass das auch gut ist. Immer weiterentwickeln.“

Neelix Studio Hamburg

Du sitzt gerade an einem neuen Cover. Was soll das mit der Gänseblume, die ich eben auf den Covern suchen sollte?

„Ich stehe ja sehr auf Lost Places, wie du ja vielleicht auch dort an dem Buch auf dem Sofa siehst. Denn im Endeffekt sind wir ja immer dabei, unseren Planeten genau dazu zu machen – zu einem verlorenen Ort. Meine Mutter findet das immer ein bisschen traurig und deshalb habe ich irgendwann mal aus Spaß damit angefangen, für sie ein Gänseblümchen einzubauen. Meine Brille und das Tag meines verstorbenen Bruders kann man übrigens auch finden, wenn man genau hinsieht. Und weiß, wie es aussieht.“

Wie lang ist das her?

„Schon 20 Jahre ungefähr. Seine Stimme findet man auch in vielen Produktionen. Solche Dinge müssen halt irgendwie raus. Früher habe ich viel gemalt, dann kam das Produzieren. Musik hilft da enorm. Auf jeden Fall entdeckte ich irgendwann aus Zufall eine Doku über meinen Bruder bzw. über die Punk-Szene, in der er vorkam und gute Sachen gesagt hat. Und da ich immer auf der Suche nach guten Vocals war, habe ich von dort an seine Stimme in die Musik eingebaut.“

Du setzt dir nicht so starke Selbstbeschränkungen in Bezug auf Einfluss und Genre. Welche Künstler und welche Musik inspirieren dich? 

„Es inspirieren mich Künstler wie Daft Punk und Michael Jackson. Simon & Garfunkel. Beeinflussen lasse ich mich musikalisch eigentlich ungern‘ aus dem Gerne, in dem ich auch produziere. Kopf abschalten ist wichtig, damit du am Ende nicht nur kopierst. Wenn, dann inspirieren mich eher von Filme, oder Werbung und sowas. Von Stimmungen. Und wenn man dann die Inspiration gefunden hat, ist es ab und zu sogar so, dass man nicht schlafen kann. Nach ein paar Stunden muss ich dann direkt weitermachen, bis der Track fertig ist. Ein super Gefühl, jedes Mal wieder.“

Du bist mittlerweile auf der ganzen Welt unterwegs und siehst viele Festivals. Da sind sicherlich viele schöne Momente dabei.

„Diese Momente habe ich jedes mal inmitten des Produktionsprozesses der Musik. Das Zentrum meines musikalischen Schaffens ist definitiv nicht (nur) der Floor. Ich finde es toll, wenn Leute das, was ich tue gut finden. Und natürlich ist es schön, weltweit gebucht zu werden und viel zu sehen. Aber ich tue es nicht extra, damit das passiert. Auch mein neuer Release ist mehr ein best of kreativer Momente beim Produzieren. Ich habe da kein Erfolgskonzept. Mal fließt Rockmusik mit ein, mal die Titelmelodie von Stark Trek, mal Klassik – und dann wird ein Set draus. 

Du warst ja recht lange und häufig in Brasilien. Was sind die größten Untschiede, was hast du mitgenommen und wie siehst du den Hype?

Viel Musik auf einem Bild – Liquid Soul, Vaishiyas, Paranormal Attack, Fabio und Neelix auf der Electrance – Foto: Neelix Facebook

„Es ist ein völlig anderes und auch gutes Gefühl dort drüben. Und die Jahre, die ich dort verbracht habe, haben mich auch stark geprägt und persönlich und musikalisch entwickelt. Aber während Psytrance in Europa immer ein bisschen Underground-Touch hatte und das Familiäre ein wichtiger Aspekt ist, ist es in Brasilien eben etwas mehr Mainstream. Es ist energiegeladener, aber auch kurzweiliger. 

Und das ganze Reisen bedeutet auch sehr viel Stress und nicht nur Spaß. Gerade auch in Bezug auf die Familie. Man muss das halt mögen. Es war definitiv eine Erfahrung und prägend, sooft dort gewesen zu sein. Aber in Brasilien liegt der Fokus komplett auf harten Drops, 10 Sekunden Stampfen und dann Warten, bis zum nächsten Drop. An vielen Orten auf der Welt ist das ähnlich. In Europa stehen die Menschen mehr auf Melodie und tanzen die ganze Zeit, nicht nur während des Drops. Außerdem sorgen Trends und Hypes immer für eine Fokussierung, auf eben diesen Trend und das bremst die Innovation und den Mut zum „Anderssein“ der Produzenten. Einige fangen auch an, gezielt für nur einen Markt zu produzieren, statt auf ihre eigene Kreativität zu hören. Das hört man der Musik dann auch irgendwann an. Ist halt Geschmackssache und der ändert sich ja bekanntlich auch. Wäre ja schlimm, wenn nicht.“

Angefangen hat bei dir ja alles in Hamburg. Was hat sich seit damals verändert, wer ist noch aktiv, aus der Zeit?

„Aktiv sind eigentlich noch alle. Shiva Chandra legt noch auf, ist aber auch in anderen Bereichen kreativ unterwegs, wie z.B. Filmmusik. Nok und Fabio sind auch noch unterwegs, wie immer. Die Locations haben sich ein bisschen verändert. Das Traxx an den Deichtorhallen gibt es nicht mehr. Da hat Oli von ov-silence uns damals alle öfter gebucht und da begannen wir auch damit, live zu spielen. Und im Savoy und im Atisha. Dann ging es auch recht schnell mit Bookings im Ausland los. Das erste war in Griechenland, mit 50 Leuten am Strand und katastrophalem Sound. Der absolute Hammer!.“

Du bist ja auch politisch engagiert und Vegetarier. Gab es deswegen schon Konfrontationen?

„Außer auf Demos? Ja, mit einem sehr großen Konzern, der unter anderem genmanipuliertes Saatgut vertreibt. Ich habe öfter mal Filme von Massentierhaltung und andere unschöne Bilder zur Untermalung meiner Tracks bei YouTube usw. benutzt. Mit einem Video gab es mal Probleme, da bekam ich dann Post vom Firmenanwalt.“

Worauf freust du dich 2017 am meisten? 

„Eine Sache ist auf jeden Fall das Nature One Festival.“

Und worauf können wir uns als Nächstes von dir freuen?

„Naja, ich weiß nicht, ob ihr euch darüber freut oder nicht; aber mein neues Set stand letzte Woche in den Startlöchern – „On my own“.“

Danke für das sympathische, aufschlussreiche Interview und für deine Zeit. Wie hat es dir gefallen?

„Ich hab zu Danken, auch für die menschliche, normale Behandlung deinerseits. Jegliches Hochheben einer Person, in diesem Fall mich, lässt Menschen irgendwann glauben, dass sie tatsächlich besonders sind, nur weil sie immer wieder so behandelt werden. Irgendwann glaubst du das dann wirklich. Schlechte Sache, denn niemand ist was Besonderes bzw. besonderer als jemand anderes. Ich kenne Künstler, denen das passiert ist und die ihr Ego aus unnatürlichen Umfeldern aus Produzenten, Studios und Fans formen. Das macht Menschen seltsam, gerade wenn sie viel auf Tour sind. Neulich kam nach einem Auftritt in Melbourne, eine meiner bisher krassesten Erfahrungen & Shows, der Veranstalter auf mich zu und fragte wie ich es fand. Meine Antwort war „good for my career, bad for my ego“ – Und deshalb möchte ich gerne sagen, dass ich dir ebenso für deine Zeit danken möchte und mich gefreut habe, mit dir zu schnacken. Und tritt deinen Interview-Partnern ruhig weiter in den Hintern, wenn sie zu lange für die Korrektur brauchen. Egal, wer es ist 😉 Alles Gute, und hoffentlich bis bald mal wieder. Und sei dir bewusst; wir alle sind nichts besonderes. *lacht*“

Arne von Goazin und Neelix beim Interview
Neelix & ich beim Interview im Studio

Hörproben – Neelix Soundcloud

8 Gedanken zu „Neelix Interview über Hamburg, Proggy & Kommerz

  • 8. März 2017 um 19:40
    Permalink

    Danke! Ein sehr schöner und vorallem symphatischer Artikel!

    Antwort
  • 9. März 2017 um 20:16
    Permalink

    wie schön, dass das gänseblümchen an so prominenter stelle seinen platz gefunden hat.
    ein gutes und kluges interview! much love, mum

    Antwort
  • 10. März 2017 um 8:25
    Permalink

    Finde den Fehler auf dem Tomorrowland Bild 😀

    Antwort
  • 10. März 2017 um 18:33
    Permalink

    Sympatisch, echt und klug. Danke fuer dieses Interview!

    Antwort
  • 11. März 2017 um 14:45
    Permalink

    Richtig toller Artikel. Dieser Mensch ist mir einfach absolut sympathisch <3

    Antwort
  • 12. März 2017 um 10:13
    Permalink

    Guckst du Karate Kid bei deinem Tomorrowland Auftritt 😀 :D?

    Antwort
  • 12. März 2017 um 13:03
    Permalink

    Danke! Behalte stehts diese Einstellung. Vieleicht sieht man sich am 1.April in Hamburg 🙂 Grüsse aus Zürich

    Antwort
  • 14. März 2017 um 1:06
    Permalink

    Gutes Interview. Ein Mann der nicht überhoben denkt und Weiss was abgeht.

    Antwort

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.