Sebastian läuft jedes Jahr ca. 8000 Kilometer zu Fuß – auch zur Antaris 2017

Vor bald 10 Jahren hat Sebastian seine Leidenschaft für das Wandern entdeckt. Seitdem läuft er quer durch Deutschland, unter anderem auch von Köln bis zur Antaris. Auch, wenn er 2017, aufgrund der Wetterlage, „nur“ von Dresden aus losging. 256 Kilometer und 7 Tage war er unterwegs. Zwischen 7.500 und 8.500 Kilometer kommen so pro Jahr zusammen. Mittlerweile erkundet er auf seinen Touren ausgiebig seine Umgebung und nimmt uns in seinen Videos mit auf die Reise, zu Sehenswürdigkeiten, vergessenen Orten (auch Lost Places genannt), tollen Kulissen und eben zu allen Festivals, zu denen er sich regelmäßig zu Fuß auf den Weg macht. Aber auch zu Orten wie dem Haus von Armin Meiwes, dem Kannibalen von Rotenburg. Ich habe ihn zu seiner Wanderlust und seinen Erlebnissen interviewt. Und ich war erstaunt, wie nahe Wandern und Stampfen beieinander liegen. 

„Wandern ist eine Tätigkeit der Beine und ein Zustand der Seele“ – Quelle: Unbekannt

Läufst du noch, oder stampfst du schon?

Was nach einem billigen Abklatsch eines weltbekannten IKEA-Slogans klingt, ist in diesem Zusammenhang gar nicht soweit hergeholt. Denn Sebastian kann man diese Frage wirklich stellen. Und der 35-jährige Kölner könnte sie durchaus beantworten. Bevor er sich nämlich auf dem Floor ausleben kann, hat er bereits eine tagelange Wanderung hinter sich, denn er besucht viele Festivals in Deutschland zu Fuß. Egal, wie weit sie weg sind. Wie das alles angefangen hat?

Tipp: Weiterlesen, oder direkt zum Interview mit Sebastian springen

Ich habe ihn zufällig kennengelernt, im Rahmen meines Berichts zur Antaris 2017. Von ihm stammen die tollen Videos, die sowohl das gesamte Festival-Gelände im 360 Grad Modus zeigen, als auch tolle Impressionen von Electric Universe & Co. Schnell begeisterte ich mich für den kleinen aber feinen YouTube Channel des Kölners, der nicht nur regelmäßig zu Psytrance Festivals in Deutschland läuft, sondern auf seinem Channel auch Lost Places erkundet und uns per Video mit auf die Reise nimmt.






Während seinen Reisen kommentiert er mal ernst, mal ironisch und mal unterhaltsam seine Erlebnisse und Eindrücke. Ob Begegnungen mit Tieren, eine Tour über die geschlossene Kölner Südbrücke, ein spontaner Drohnenflug, eine Wanderung durch die Natur Pommerns, oder eben die Wanderung zur Antaris 2017 – es macht sehr viel Spaß, die Wanderung mit Sebastian via Video gemeinsam zu erleben. Ein Besuch auf seinem YouTube Channel lohnt sich also definitiv. Unter anderem hat er auch schon das Haus von Armin Meiwes erkundert, dem Kannibalen von Rotenburg.

Sebastian Reuter Armin Meiwes Haus
Sebastian Reuter sitzt am Tisch in Armin Meiwes Haus, an dem der Kannibale von Rotenburg seine „Mahlzeiten“ zubereitete und servierte

In dem Video erkundet er u.a. die aus Artikeln über den „Kannibalen von Rotenburg“ bekannten Stellen des Hauses und liest sogar ein paar Zeilen vor, die sich mit der Fantasie und den Motiven des Armin Meiwes befassen. Da gehört schon eine ordentliche Portion Mut dazu. Auf jeden Fall sind seine Videos definitiv was anderes und ich war sofort davon fasziniert, wie sehr Sebastian sich nicht nur mit dem Wandern identifiziert, sondern auch mit all‘ den Orten und Dingen, die er auf seiner Reise entdeckt. Es ist eine deutlich spürbare Verbindung zwischen ihm und seiner Umgebung entstanden, eines der Ziele, das viele von uns auf Psytrance Gatherings erreichen möchten.

Bilder von Sebastians Touren

Neben tollen Videos, entstehen auf seinen Wanderungen natürlich auch immer wieder tolle Bilder und Impressionen. Und man bekommt vielleicht ein leichtes Gespür oder einen ersten Eindruck dafür, was Sebastian an diesen Reisen so fasziniert: Einsamkeit, Zeit für die eigenen Gedanken, doch gleichzeitig körperliche Ertüchtigung und eine besondere Verbundenheit mit der Umgebung und Natur – im Prinzip also das, was wir auch auf den Festivals suchen. Nur ohne Musik. Nicht umsonst ziehen sich Pilgerfahrten und Geschichten von schier endlosen Wanderungen durch die Geschichten aller Zivilisationen und Religionen. Es ist eine ureigene Fähigkeit des Menschen, seine Umgebung zu erkunden, zu interpretieren und seinen Geist dabei zu schärfen. Sebastian hat diese Fähigkeit für sich zurückentdeckt. Doch auch er hatte eine Art Schlüsselerlebnis, einen besonderen Moment, der ihn wortwörtlich „auf eigene Füße stellte“.




Wie das alles angefangen hat und warum der Kölner, der derzeit Physik und Mathe auf dem zweiten Bildungsweg studiert, in seiner Freizeit Böller bastelt, Drohnen fliegen lässt, unheimliche Orte erkundet und pro Jahr rund 8.000 Kilometer wandert, das erfahrt ihr im Interview mit ihm.

Interview mit Sebastian Reuter

Moin Sebastian, du bist in den letzten 5 Jahren mehrmals zu Fuß zu Psytrance Festivals gelaufen. Wann und warum genau bist du das erste mal zu Fuß zu einer mehrere Hundert Kilometer entfernten Party aufgebrochen?

„Ende 2007 hatte ich mein Kampfgewicht von 125 Kilogram erreicht und ich beschloss die Notbremse zu ziehen.

Sebastian auf der Shivamoon 2007
Sebastian auf der Shivamoon 2007

Bis dahin hatte ich überhaupt keinen Sport betrieben und fuhr selbst kürzeste Strecken mit dem Auto. Ich beschloss, von nun an jeden Tag 30 Minuten zu Fuß irgendwo hinzugehen. Das klappte sehr gut und nach einer Weile purzelten die ersten Pfunde und die Strecken, die ich zurücklegte, wurden immer länger. Nach zwei Jahren etwa hatte ich 50kg abgenommen und ich bekam ein völlig neues Körpergefühl. Aus Angst wieder zuzunehmen behielt ich das Laufen bis heute bei und es ist essentieller Bestandteil meines Tagesablaufes geworden. So lege ich jedes Jahr zwischen 7.500 Kilometer und 8.500  Kilometer zu Fuß zurück.

Na ja, auf jeden Fall war es im Jahr 2010, als ich das erste Mal über mehrere Tage gewandert bin. Das war ein dreitägiger Marsch nach Pommern an der Mosel. Kurz darauf stand das FullMoonFestival in Wittstock/AltDaber an und ich dachte mir, das wäre doch mal eine Herausforderung, von Köln aus dort hinzulaufen. Leider schaffte ich es nur bis Paderborn, dann machte mir eine Muskelüberreizung im linken Schienbein derart zu schaffen, dass ich vor Schmerzen nicht mehr laufen konnte. Ich pausierte ein paar Tage aus und setzte meine Wanderung von Wittenberge aus fort.

Bilder von der FullMoon Tour 2010

Und wieso überhaupt Psytrance? Entwickelte sich die Wanderlust aus der Liebe zur Musik heraus, oder bist du erst gewandert und darüber zum Psytrance gekommen?

„Es war 1998, als ich, mit 16 Jahren, das erste Mal bei einem Kumpel gekifft hatte, Himmel war ich stoned…Währenddessen lief unter anderem leichter Psytrance. Diese Musik hatte ich vorher noch nie gehört und in diesem Zustand klang die Musik für mich wie eine kosmische Symphonie, einfach der Wahnsinn. Hardcore und Gabba, was ich bis dahin sehr gerne gehört hatte, waren seit diesem Tag Geschichte. Die Verbindung zwischen Psytrance und Wandern kam erst viele Jahre später.“

Wir haben uns zufällig kennengelernt, weil ich dein Antaris Video für meinen Beitrag verwendet habe. Wie hast du die diesjährige Antaris erlebt, nachdem du bereits 2012 von Köln aus zu Fuß dorthin gelaufen bist?

„Richtig, 2012 bin ich von Köln aus zur Antaris gelaufen. Dabei habe ich 514,13 Kilometer in 13 Tagen zurückgelegt. Das ist einfach der Wahnsinn, wenn du dich so lange abgequält hast und dann endlich aus eigener Kraft angekommen bist. Damit hatte ich mir das Feiern auch redlich verdient und ich muss sagen, dass ich es viel intensiver und bewusster wahrgenommen habe, als sonst als ich mit dem Auto gefahren bin.

Das Wetter in diesem Jahr war ja leider eine Katastrophe, trotzdem waren die Stunden, die ich auf dem Mainfloor verbracht habe, sehr gut. Das Soundsystem war wie gewohnt ein Fest für die Ohren und beim Blick zum DJ meinte man in ein anderes Universum zu blicken. Es ist immer wieder schön zu sehen, zu was die Liebe zur Musik die Organisatoren beflügeln kann.“

2007 warst du zum ersten mal dort, damals noch nicht zu Fuß. Hat sich seitdem viel auf dem Festival verändert?

„Festivals und die Szenen darum herum sind im ständigem Wandel. Das ist auch gut so, denn Stillstand bedeutet das Ende. Ich bin Liebhaber der Old-School-Dekoration, stehe also total auf floureszierende Garngespinste (Stringart) und mannshohe Bauschaumpilze. 2007 wurden auf der Antaris noch etliche Kilometer Wollfäden gespannt, diese Mühe macht sich heute keiner mehr, stattdessen sieht man leider nur noch diese organisch anmutenden Elasthan-Spanntücher. Damit werden zwar auch geniale Dekoeffekte erzielt, aber für mich ging damit ein wenig des damaligen Charmes der Antaris verloren.

Stringart auf der Antaris 2007
Stringart auf der Antaris 2007

Der Sound hat sich auch ganz klar verändert. Er ist härter und monotoner geworden, was ich sehr begrüße. Eine „Krankheit“ hat der Sound aber zum Glück nun fast hinter sich. Nämlich dieses mutwillige und unerträglich lange Hinauszögern bis der Bass endlich einsetzt. Bei manchen Tracks wurde teilweise drei bis viermal „angetäuscht“ bis endlich der Bass einsetzte, das hat mich echt wahnsinnig gemacht und das hat auch enorm dem Fluss der Musik geschadet. Ich bin froh, dass das nun fast vorbei ist. Grundsätzlich aber meine ich, dass sich die Antaris selber treu geblieben ist und mit der Zeit geht.“

Auf deinem YouTube Channel stellst du noch weitere Hobbys deinerseits vor; Böllerbasteln, Lost Places erforschen, Drohnen und natürlich das exzessive Wandern. Würdest du allen Interessen den gleichen Stellenwert einordnen, oder wie priorisierst du deine Hobbys?

„Ja, das stimmt, meine Interessen sind breit gefächert, aber Priorität hat keine davon. Das was ich gerade tue hat in diesem Moment Priorität.“

„Wandern ist eine Tätigkeit der Beine und ein Zustand der Seele“ – viele Wanderer berichten von der befreienden, beruhigenden Wirkung. Ist das bei dir auch so? War es sogar der eigentliche Grund dafür, dass du damit begonnen hast?

„Der Grund für meine Lauferei ist wie gesagt mein damaliges Übergewicht, es war also nur Mittel zum Zweck. Ich selber sehe mich auch nicht als Wanderer im eigentlichen Sinne. Wenn ich solche Touren wie z.B. zur Antaris unternehme, dann ist das für mich in erster Linie ein Mittel um dort hinzukommen. Während der Wanderung fluche ich oft vor mich hin wie anstrengend das wieder ist und wie lange das alles dauert, aber wenn ich es dann geschafft habe, dann überkommt mich immer ein tiefgreifendes Gefühl, von unglaublichem Stolz. Wenn das nicht wäre würde ich wahrscheinlich keinen Fuß mehr vor den anderen setzen.“

Du drehst auch spannende 360 Grad Videos, bei denen der Betrachter per Mausbewegung die Kamera steuern kann. Wie machst du das technisch und siehst du das als zukunftsträchtige Technik für Festivals?

„360°-Kameras gibt es inzwischen sehr viele auf dem Markt. Ich habe mir eine Samsung Gear 360 (auch als Smartphone-Variante) gekauft und bin sehr zufrieden, habe aber auch keinen Vergleich zu anderen Geräten.

Ich empfinde 360°-Videos eher als lustige Spielerei. Es ist halt schwierig damit Filme zu drehen, bei dem man dem Zuschauer etwas vermitteln will. Dokus beispielsweise halte ich für sehr problematisch, weil der Zuschauer nicht unbedingt dort hinschaut, wo es gerade wichtig ist. Ich habe mal einen sehr gut gemachten 360°-Horrorfilm auf YouTube gesehen, bei dem in einer Garage eine übersinnliche Gestalt ihr Unwesen trieb. Der Schockmoment als dieses Wesen aus einer dunklen Ecke unerwartet auf die Kamera zustürmt ging leider in die Hose, da ich gerade in die entgegengesetzte Richtung blickte.

Für Festivals aber kann ich mir 360°-Videos sehr gut vorstellen, denn dort ist es ja im Grunde egal wo man hinschaut. Hier geht es um den Sound und um die tanzende Menschenmenge. Der Zuschauer kann mit seinem Smartphone und einer entsprechenden VR-Brille das Feeling auf einer solchen Veranstaltung schon sehr gut miterleben.

Leider scheuen immer mehr Leute gerade auf Festivals Kameras. Sie haben Angst beim Drogenkonsum „erwischt“ zu werden, oder meinen sie wären nicht fotogen. Einige Leute reagieren sogar aggressiv, sobald sich ein Objektiv auf sie richtet. Das finde ich sehr, sehr schade, denn Videos sind für mich das ideale Mittel um Stimmungen und Erinnerungen festzuhalten.“

Ist es dein Ziel mit deinem Videokanal Geld zu verdienen, oder reine Leidenschaft? Ich kann mir nämlich durchaus Potenzial im Bereich Festival-Promotion vorstellen.

„Die Leidenschaft steht hierbei ganz klar im Vordergrund. Sollte dennoch eines Tages der silberne Playbutton ins Haus flattern, bin ich bestimmt nicht böse, aber ich sehe das realistisch. Meine Themen sind alles andere als Mainstream (was auch gut so ist) und ich bin kein Meister im freien Sprechen. 90% von dem was ich in meinen Videos sage habe ich mir vorher aufgeschrieben und spreche es auswendig nach, wobei auch das oft in die Hose geht, sodass ich manche Sätze bis zu fünf mal aufnehme bis ich zufrieden bin. Daher glaube ich, dass ich niemals so bekannt werde, als dass YouTube mich bezahlen würde, aber das ist völlig egal. Ich hätte auch durchaus Spaß daran mehr auf Festivals zu filmen, leider bremst mich die oben angesprochene ablehnende Haltung mancher Leute ziemlich aus, was ich sehr schade finde.“ 

Dein anderes großes Hobby sind die Lost Places. Wie bereitest du dich auf so einen Trip vor?

„Ja, Lost Places zu besuchen macht echt Freude, vor allem weil man nie weiß wem man dort eventuell begegnen könnte. Mir ist es wichtig auch Informationen zu dem jeweiligen LostPlace anzugeben. Ich recherchiere dann im Internet und fasse das Interessanteste zusammen und versuche es halbwegs flüssig im Video wiederzugeben. Beispielsweise was dieses alte Haus für eine Vergangenheit hat oder Ähnliches. Aber wirklich Vorbereiten kann man sich auf einen LostPlace, so er einem völlig unbekannt ist, nicht. Das ergibt sich dann alles vor Ort.“

Kann das auch mal gruselig enden?

„Nicht nur gruselig, sondern auch gefährlich. Als ich mit einem Kumpel in der Villa Oppenheim in Köln-Fühlingen war, wurden wir von einer Gruppe asozialer Halbstarker aus dem nahegelegenen Problemviertel Chorweiler heimgesucht. Es waren etwa 7 Leute, die sich im Gebüsch vor dem Haus versammelten, als wir uns im ersten Stock aufhielten. Da ich sie mit meiner Taschenlampe angeleuchtet hatte wussten sie, dass wir im Haus waren. Schon bald gab es eine sehr laute Detonation worauf wir verunsichert das Gebäude verließen. Als wir draußen standen und hinauf zum ersten Stock blickten, wo wir noch vor wenigen Momenten gestanden hatten erhellte ein gleißend grünes Licht die erste Etage und es folgte eine weitere Detonation, deren Druckwelle wir gut spüren konnten. Ich bin kein Waffenexperte, aber das waren keine harmlosen Silvesterkracher, die diese Leute dort gezündet hatten. Wir wurden gezielt und ohne erkennbaren Grund angegriffen und wenn ich an diese Nacht denke bin ich immer wieder entsetzt, was es für Idioten gibt.“

Was war dein erster Lost Place?

„Der Kölner Kronleuchtersaal (Video in der Playlist Lost Places). Das ist ein Teil des Kölner Abwasserkanalsystems, das zu seiner Fertigstellung im Jahre 1890 mit einem Kronleuchter erhellt wurde, um es Kaiser Wilhelm II zu präsentieren. Heute kommt man eigentlich nur hinein, wenn man sich einer von den Kölner Abwasser Betrieben angebotenen Führung anschließt. Oder man wartet halt so lange bis der Rheinpegel so tief ist, dass man eben vom Rheinufer aus über den etwa 200m langen Kanal in den Kronleuchtersaal gelangt. Damals wusste ich aber noch garnicht, dass es eine derart große Gemeinde von sogenannten Urbexern (Kunstwort aus Urban Exploring) gibt und auch das Wort Lost Place ist mir erst viel später über den Weg gelaufen.“

Was für ein Gefühl ist das einen, teils seit mehreren Jahrzehnten, verlassenen Ort zu betreten?

„Es ist jedes Mal sehr spannend, weil man nie weiß was man alles zu sehen bekommt. Auf jeden Fall keimt dann immer ein starker Entdeckerdrang in einem auf. Besonders stark war dieser, als ich im Haus von Armin Meiwes war, in dem sich eine Geschichte zugetragen hatte, die die gesamte zivilisierte Welt in tiefes Entsetzen stürzte.“

Ich weiss gar nicht, ob du es wusstest aber du teilst dir diese Leidenschaft mit einem bekannten Produzenten aus dem Progressive Trance Bereich: Neelix. Er sagte im Interview, dass diese Lost Places irgendwie die Zukunft der Menschheit darstellen – verlassen, dystopisch, traurig – siehst du das ähnlich?

„Interessant, aber nein ich wusste nichts von Neelix Interesse an LP´s. Aber es stimmt, viele dieser LP´s erinnern einen an Endzeitfilme wie „Book of Eli“ oder „Terminator II“. Zugegeben, ich finde diese dystopische Vorstellung von einer zerstörten Welt, in der nur noch eine handvoll Auserwählter Menschen ihr Dasein fristet, äußerst attraktiv, denn dieser Zustand birgt enormes Potential. Die Menschheit könnte aus ihren Fehlern der Vergangenheit lernen und hätte die Chance auf einen Neuanfang.“

Deine bewegendste, beeindruckendste oder traurigste Erfahrung auf Wanderschaft?

Als sehr bewegend empfand ich den Moment, als ich 2012 auf dem Weg zur Antaris die imaginäge Grenze zum Osten überschritten hatte. Dabei hatte ich die ergreifenden Bilder des Mauerfalls von 1989 vor Augen.

Sebastian Innerdeutsche Grenze

Sehr beeindruckend waren die Externsteine im Teutoburger Wald, den ich 2016 auf dem Weg zum NewHealing-Festival durchquerte. Dies ist ein wahrhaft magischer Ort, an dem man Kraft schöpfen kann. Fotos davon habe ich leider nicht, aber bei 32:56 auf dem (grottenschlechten) Video zur Wanderung sieht man ein paar Aufnahmen davon, das ist das erste bzw. letzte Video in meiner Playlist „Wanderungen“.

Eine traurige Erfahrung fällt mir keine ein, ist das nicht schön?“

Stell dir vor, es würde sich eine Art Pilgerbewegung zu Festivals entwickeln und du wärst sozusagen der Pilgervater. Würdest du das begrüßen, oder wanderst du lieber für dich?

„Ich fände es super wenn sich mehr Leute dazu entscheiden würden, zu Fuß zum Festival zu laufen. Gerade auf Goaparties wird ja immer von Spiritualität, Wahrnehmung und Einswerden mit seiner Umwelt gesprochen. Ich finde, dass das Laufen eine sehr gute Möglichkeit ist seine Umwelt viel bewusster wahrzunehmen. Ich glaube auch, dass es nur wenige Leute gibt, die wirklich wissen, in welch einer verlassenen Gegend die Antaris stattfindet. Diese endlosen Weiten des Havellandes lassen sich nicht mit einer Autofahrt zur Antaris erleben, sondern eröffnen sich einem erst, wenn man mal einen ganzen Tag lang durch menschenleeres Wald- und Heidegebiet gelaufen ist.

Ich schätze auch sehr das Alleinesein auf meinen Wanderungen, weil ich dann selber bestimme wo es lang geht, wann ich losgehe und vor allem wie schnell ich gehe. In einer Gruppe muss man ständig irgendwelche Kompromisse eingehen oder auf irgendjemanden warten. Mit Verlaub, aber darauf habe ich keine Lust.

Es gibt viele Menschen, die nicht alleine sein können und immer und überall jemanden an ihrer Seite brauchen um sich nicht mit den eigenen Problemen auseinandersetzen zu müssen. Für diese Leute halte ich eine mehrtägige Wanderung für sehr hilfreich, um den Weg zu sich selber zu finden und auch mal zu reflektieren. Das kann natürlich sehr schmerzhaft sein, birgt aber doch Potential, um positive Veränderungen zu bewirken.

Kurzum, ich wandere am liebsten alleine.“

Wenn du von Heute auf Morgen nicht mehr laufen könntest; was wäre dein Ausgleich?

„Das ist eine sehr gute Frage, auf die ich selbst nach Stunden keine Antwort finden würde. Sollte es aber soweit sein, wird sich mit Sicherheit das richtige ergeben.“

Du wanderst ja auch nicht nur zu Festivals. Was war deine bisher schönste Tour?

„Ich wandere immer wieder sehr gerne nach Pommern an der Mosel, das sind dann 3-tägige Touren. Dort habe ich im kindes- und Jugendalter fast jedes Sommerwochenende mit meinen Eltern auf dem Campingplatz Kurzurlaub gemacht. Das Moseltal ist einfach unglaublich schön.

Tagestouren wie die 45 Kilometer Distanz bis zum Drachenfels im Siebengebirge haben aber auch ihren Reiz.

Ich unternehme aber auch zweitägige Touren mit Übernachtung im Wald und kochen im Gaskocher. Das erinnert mich dann immer ein wenig an meine Zeit bei den Pfadfindern. Richtig großes Kino sind aber natürlich die Wanderungen zum Festival. Aber eine schönste Tour habe ich nicht. Jede Tour hat ihre eigenen Höhen und Tiefen gehabt und sind für mich einzigartig.“

Planst du auch die „Klassiker“ wie den Jakobsweg mit ein oder hast du diese schon absolviert?

„Nein, seit dem Hape Kerkeling seinen durchaus unterhaltsamen Reisebericht vom Jakobsweg veröffentlicht hat und damals ein richtiger Hype um diese Pilgerroute entstand und plötzlich jeder diesen Weg laufen wollte, kam das für mich nicht in Frage. Da ich nicht sonderlich religiös bin sehe ich mich auch in Zukunft nicht auf dem Jakobsweg.“

Wie steht es mit einer Wanderung nach Indien?

„Geplant habe ich noch nichts, aber wenn ich mein Studium endlich mal abgeschlossen habe und unser Sohn etwas größer ist, warum nicht.“

Wenn du nur zwei Sätze hättest, um den Nachwuchs zum Wandern zu motivieren, welche wären das?

„Ich glaube nicht, dass dies mit nur zwei Sätzen effektiv zu bewerkstelligen ist.  Auch wenn ich Wandern für ein gutes Mittel halte um Jugendliche von Unsinn abzuhalten und ihnen sinnvolle Alternativen zum Smartphone und kraftlosem Rumgechille aufzuzeigen, muss der erste Schritt aber von ihnen selber kommen. Ich glaube aber Wandern sehen sie eher als alte-Leute-Beschäftigung an und da wird es schwer die Jugend zu motivieren.“

Danke für das tolle Interview!

„Auch ich habe zu danken, denn die Fragen waren sehr interessant und bei deren Beantwortung konnte ich sogar Neues über mich selbst erfahren.“

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