Interview mit Hatikwa über sein neues Album „The Second Narration“, neue Horizonte & Social Media

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Meine erste Begegnung mit Thomas‘ Musik, fand in der Stadt der Sünde statt. Leider nur bildlich gesprochen. Es war der Hatikwa Release Sin City“ , der damals sicher nicht nur mich auf den Psytrance Produzenten aus Norddeutschland aufmerksam machte. Zumindest dann, wenn man seinen Überraschungs-Erfolg „Lonely Forest“ bis dahin irgendwie verpasst hatte, den ein Fan 2009 bei YouTube hochgeladen hatte und der sich sehr, sehr schnell in den Sozialen Medien verbreitete. Grundlage seines heutigen Erfolgs. Nun steht sein nächster Release in den Startlöchern: The Second Narration. Am 02.05.2017 geht’s los!

Hatikwa Second Narration Coming Soon

Ein toller Anlass, um sich zu einem kleinen Interview zu treffen. Natürlich geht es primär um sein neues Album, „The Second Narration“ und seine Anfänge als Goa & Progressive DJ & Produzent. Aber Goazin wäre nicht Goazin, wenn ich nicht auch wieder ein paar Hintergrundinfos erfragen und den Künstler aus dem Nähkästchen plaudern lassen würde.

Also, springt entweder direkt zum Interview mit Hatikwa, oder lest euch erst ein bisschen durch Thomas‘ musikalische Geschichte.

Hatikwa ist einer der Next-Generation Produzenten, die ihren Erfolg vor allem dem „Liken“ & „Sharen“ verdanken. Freut mich zu sehen, dass dieses Medium, das definitiv viele Schattenseiten mit sich bringt, auch für die Goa Szene, immer mal wieder Gutes hervorbringen kann. Hoffnung, im wahrsten Sinne des Wortes. Oder, auf Hebräisch: haTikwa. Hoffnung, geboren im einsamen Wald. Wortwörtlich.






Der erste Track war übrigens schlichtweg nach dem Hamburger Lonely Forest Project“ benannt worden, dem Hatikwa sein Live-Act Debüt 2009 zu verdanken hat. Eigentlich hatte er den Track damals an Chris vom Lonely Forest Project verschenkt, als Dankeschön für sein erstes Live-Act-Booking. Dieser entschied, dass er Teil einer kleinen Compilation werden sollte. Gute Entscheidung. Ein Fan entdeckte den Track später und lud ihn bei YouTube hoch.

Die klare Linie in der Namensgebung seiner Releases zieht sich quer durch seine Diskographie: Lotti Karotti, Oxygene, Capricorn, Dream Machine, Lonely Forest. Die Titel sind genauso aufgeräumt und gradlinig wie sein Sound. Kein Chaos, viel Flow und aufgeräumte (Klang)welten sind also nicht nur das Fundament von Feng Shui, sondern auch seiner Produktionen.

Minimal Trance, Proggy, oder was nun?

Thomas aka HatikwaAn seinem Sound begeistert mich persönlich, dass er sich dem ganzen Thema Psytrance & Progressive Trance sehr minimalistisch und nicht so bpm-lastig und effekthascherisch nähert, wie viele Produzenten es heute tun.

Und das, obwohl sein Künstlername, Hatikwa, an das hebräische Wort Hatikva oder Hatikvah, auch haTikwaangelehnt ist. Das steht für „Hoffnung“, ist aber auch der Name der israelischen Nationalhymne. Und wie wir wissen, sind die meisten israelischen Acts alles andere als minimalistisch, wenn ich nur mal an Upgrade oder Vini Vici denke. Dass das nicht auf Thomas zutrifft, könnte damit zu tun haben, dass er nicht aus Israel ist, sondern aus Norddeutschland. Seine ersten Begegnungen mit Psytrance machte er deshalb auch auf der Fusion 1999 und in Hamburg & Umgebung, nicht in der Wüste Negev & Tel Aviv.

Er entschied sich schlichtweg auf Grund der Bedeutung „Hoffnung“ für den Namen. Und Hatikwa klingt schließlich besser als „Hope“. Zumindest, wenn man kein EDM-Act ist. Nach seinen ersten Schritten über den Flugplatz in Lärz 1999, der damals noch nicht mit heute zu vergleichen war, fuhr er für 3-4 Jahre, mit guten Freunden, auf alle möglichen Partys, auch im Ausland. Dabei sammelte er viele Erfahrungen, bevor er sich schließlich dazu entschloss, auch selber musikalisch in der Szene aktiv zu werden.

Erstmal produzierte er ab 2005 nur für sich selbst und ausgewählte Freunde. Allerdings wurde er etwas davon überrascht, wie schwer es tatsächlich ist, gute Musik zu machen. Sehr überzeugend erwähnt Thomas in einem Interview mit radiOzora, dass es ihm definitiv nie darum ging, Erfolg mit Musik zu haben.

Deshalb hörte er zwischenzeitlich auch wieder auf und ging auch einem „normalen“ Job & Lebensweg nach. 2009 gewann dann aber die Sehnsucht danach wieder überhand, die Dinge, die er Anfang 2000 und in den Jahren darauf, auf Events wie Shiva Moon erlebt hatte („eine verrückte Zeit“, wie er sagt), in eigene Klangwelten umzuwandeln, wenn auch erstmal nebenberuflich. Mit Erfolg!

Hatikwa Point of View CoverDie Arbeit mit dem Netlabel Multiplex Records multipliziert die virale Reichweite seiner Musik. Es folgten weitere Tracks und digitale EPs, die sich heute aus zahlreichen Sets, auch anderer DJs, nicht mehr wegdenken lassen. 2013 folgt dann sein Debütalbum Point of View,  auf Magical Sounds Records. Bookings für die Progressive Trance Hotspots wie Dänemark, Deutschland & der Schweiz waren das Resultat und es gelang Thomas, eine feste Fanbase zu bilden.

Vom Wirtschaftsstudium zu Hatikwa & Feng Shui

Es gibt wenig Künstler, die von Anfang an Künstler werden wollten. Und noch weniger, die es dann auch schaffen. Auch Hatikwa studierte im wirtschaftlichen Bereich und arbeitete ganz normal, auch noch nach 2009, also nach den ersten Erfolgen als Produzent. Bis 2013 fuhr er zweigleisig. Keine einfache Sache, was ich als hobbymäßiger Betreiber eines Magazins gut nachvollziehen kann.

2013 stand dann aber doch Entscheidung an, allein‘ schon auf Grund der zahlreichen Bookings im Ausland, die Thomas zu der Zeit schon hatte. Das ließ sich nur noch schwer mit einem 9-to-5 Job verbinden. Die Entscheidung fiel zugunsten der Musik und der Selbstständigkeit. Angesichts der Tatsache, dass Thomas eigentlich kein Herz für das Risiko hat, eine unerwartete, aber gute Entscheidung.

Heute liebt er die Eigenverantwortung, die Entscheidungsfreiheit und, ein klein wenig, auch die Unsicherheit, die ein Künstlerdasein, speziell in dieser Szene, bedeutet. Das hat aber natürlich auch damit zu tun, dass es für ihn funktioniert. Nicht zuletzt wegen seiner innovativen Produktionen.

Feng Shui – ein Wort, das er selbst in seiner Künstlerbiografie mehrfach verwendet, beschreibt seinen Sound in der Tat sehr gut. Wenn es um das Produzieren seiner Musik geht, ist Hatikwa extrem detailorientiert. Aber ohne Liebe für übermäßig komplizierte, überladene Arrangements. Minimalistisch, aber nicht langweilig. Genau wie ein räumliches Umfeld, das nach den Prinzipien des Feng Shui entworfen wurde, schafft sein Klang ein intensives Gefühl fließender Harmonie und müheloser Kraft – ein höchst energiefreies Hörerlebnis, das man am besten als tief psychedelisch bezeichnen kann.

Während die minimalistischen Elemente ein Gefühl von „back to the roots“ vermitteln. Das funktioniert nur, wenn man jedem Klang genug Platz einräumt, damit er seine gesamte Vibration entfalten kann. Bis alles stimmt, können pro Spur schon Mal mehrere Monate vergehen. Umso erfreulicher, dass der Termin für seinen neuen Release nun definitiv feststeht. Privat hört Hatikwa übrigens gerne Künstler wie Headroom, die er besonders für den Track „Sweet like a Lemon“ feiert. Auch Deviant Species aus UK erwähnt er hin und wieder, wenn man nach seinen Favoriten fragt.

Auf Grund von „Distributionsschwierigkeiten“, die innovative Konzepte leider immer mit sich bringen, gründete Thomas 2015 sein eigenes Label Xonica Records. Dort erscheint nun auch sein neues Album.

Vom langen Weg bis zur Fertigstellung von „The Second Narration“, von einzigartigen Erfahrungen und von einzigartiger Musik, berichtet Hatikwa im Interview mit Goazin.de.

Interview mit Hatikwa

Moin Thomas, Glückwunsch zum baldigen zweiten Album. Wie lange hat es insgesamt gedauert, bis dein neues Album „The Second Narration“ fertig war und wie viel Zeit davon hast du im Studio verbracht?

„Moin. Erst einmal vielen Dank für deine Zeit hier und heute.

Nun, es gibt Tracks auf dem Album, die habe ich schon vor Jahren angefangen zu produzieren. Manche waren auch schon vor Jahren komplett fertig – so dachte ich es jedenfalls. Aber dann hatte ich Anfang 2016 die Idee mit dem Album und ich überlegte, welche Tracks zusammen passen würden. Und so ergab es sich eben, auch „ältere“ Produktionen zu verwenden – jedoch neu arrangiert und abgemischt.

Im Laufe der letzten Monate habe ich aber auch komplett neue und eher untypische Tracks, speziell für das Album gebastelt. Da hier die Soundqualität aber besser war als noch vor 2-3 Jahren – man lernt ja jeden Tag dazu – musste ich wieder die älteren Tracks verbessern. Ein ewiger Kreislauf, den man aber irgendwann auch mal beenden muss.

Wenn ich aber eine Zahl nennen müsste, dann würde ich sagen: Das Album spiegelt Ideen und Einflüsse der letzten 3 Jahre von mir wieder.

Wieviel Zeit ich für das Album im Studio gesessen habe weiß ich wirklich nicht. Das ist auch eher nebensächlich. Manchmal überrasch ich mich selbst und ein Song ist in 3 Tagen fertig – sogar fertig im Sinne von „Alles klar Thomas, da brauchst du nix mehr ändern.“. Aber fast immer zieht sich eine Produktion über Wochen. Somit gibt’s leider keine „Durchschnittsproduktionszeit“ für mich.“

Wer hat dich dabei unterstützt und dir im Studio Gesellschaft geleistet?

„Unterstützung kam von allen Seiten. Familie, befreundete Künstler und Fans. Vielen Dank dafür! Hervorheben muss ich das Projekt Atacama aus Berlin. Zwei Jungs, die wirklich wissen was sie machen. Es ist eher unüblich auf einem Soloalbum ein anderes Projekt mehrmals vertreten zu haben – aber was ist bei mir schon normal. Auch der französische Künstler Electit hat mich letztes Jahr auf einem Event in Lyon sehr beeindruckt – da war eine Kooperation unumgänglich. Absolut hilfreich war und ist die Zusammenarbeit mit den Masteringstudios. Leider haben die sehr unter meiner Pedanterie gelitten – Sorry Jungs!

Im Studio und während der Produktionsphasen bin ich aber immer allein. Sobald eine andere Person den Raum betritt, bin ich eher abgelenkt. Kooperationen mit anderen Künstlern laufen bei mir auch stets über Projekte, die wir uns hin und her schicken. Alles eine Frage der Übung.“

Hatikwa

Wie unterscheidet sich dein neuer Release von deinen bisherigen? Worauf hast du besonders viel Wert gelegt? 

„Nun, da es ein Album werden sollte habe ich mich schon gefragt „Was machst du jetzt?“. Als die Idee damals aufkam, hätte ich im Grunde sofort ein komplettes Album liefern können. Die Tracks waren da. Ich merkte aber recht schnell, dass das Album dann grottenlangweilig werden würde. Ich meine, die Tracks an sich waren okay – aber das Album hätte keine Story gehabt. Keinen richtigen Spannungsbogen.

Ich strich also einige Tracks und merkte, dass mir plötzlich 5 bis 6 Tracks fehlten. Somit fing die eigentliche „Arbeit“ an und ich produzierte wirklich neue Tracks, quasi nur für das Album. So entstand zum Beispiel ein für mich sehr untypisches Albumintro von 14 Minuten Gesamtlänge. Auch ein spezielles Outro, welches wohl nie in einem Set von mir zu hören sein wird.

Im Grunde wollte ich dem Hörer die Möglichkeit bieten, eine komplette Story zu erleben. Beginn – Hauptteil – Schluss. Ohne jedoch in ein „Loch“ zu fallen. Das Album baut sich selbst auf. Ich habe auch Wert darauf gelegt, dass kein Song einen anderen mit derselben Tonhöhe ablöst. Das ermüdet auf Dauer das Ohr.

Ich hoffe einfach, dass ich den ein oder anderen damit die Story geben kann, die derjenige gerade benötigt. Jeder empfindet Musik zum Glück anders – somit kann ein komplettes Album auch verschiedenartig interpretiert werden. Alles ist offen.“

Hast du während des Produktionsprozesses Neues dazulernen können, neue Hardware verwendet?

„Auf jeden Fall. Das Wichtigste, was ich gelernt habe: „Mach mal Pause und geh raus an die frische Luft!“ Klingt witzig, ist aber wirklich essentiell und wichtig, um kreativ zu bleiben. Ich habe auch „Loslassen“ gelernt … ich könnte dir jetzt ein paar Tracks vom Album nennen, mit denen ich immer noch nicht zu 100% zufrieden bin. Aber so ist das wohl bei kreativen Prozessen.

Produktionstechnisch sind Kooperationen mit anderen Künstlern immer hilfreich. Manche Skills, die du von anderen Künstlern lernen kannst, können noch so einfach sein – hauen dich soundtechnisch aber aus den Socken. Hardware geht bei mir rein und raus. Ich hab hier und da einige Sounds auf Hardware produziert und auch gern verwendet. Aber ich muss zugeben, ich bin ein Software-Junkie.“

Auf welche Technik & Hardware setzt du eigentlich am liebsten für deine Musik?

„Nun, ob Hardware oder Software – ich mag es, Sounds während der Produktion aufzunehmen und somit samplebasierend weiter zu bearbeiten. Jegliche Möglichkeiten, die Ableton mir dafür bietet, werden genutzt. Ich versuche auch so viel wie möglich aus einem einzelnen Sample heraus zu holen. Da kann es schon mal passieren, dass ich ein und dasselbe Sample auf 5 Spuren habe – aber keines hört sich so an wie das andere – Effektketten sei Dank. Leider ist das auch mein größter Feind im Studio, denn diese Bearbeitung ist zeitaufwendig und detailverliebt. Das muss ich in Zukunft noch optimieren. MIDI-Spuren benutze ich eher selten. Ich hatte immer mal das Gefühl, dass sich einige PlugIns nach einem Neustart des Projektes leicht im Sound veränderten. Manche Sounds drastischer als andere. Somit bin ich irgendwann komplett auf sofortige Aufnahmen der PlugIns umgestiegen.

Kleine Geschichte am Rande: Vor Jahren durfte ich mit einem meiner früheren Idole in Griechenland spielen: Frechbax. Natürlich fragte ich ihn damals nach seinen Secrets aus – was von damals immer noch hängen geblieben ist: Grain Size Modulation bis zur Erschöpfung! Danke Frechbax!“

Vor Kurzem sagte Neelix im Interviewdass er seine Inspiration vor allem aus allen anderen Musik- und Kunstrichtungen bezieht, außer Psytrance, auch um nicht unbewusst zu kopieren. Was hörst du noch so, um dich inspirieren zu lassen, oder auch nur, um mal was anderes zu hören? 

„Tja, glaub’s mir oder nicht: Ich höre privat nur im Auto Musik. Und zwar ganz profan Radio. Und noch viel schlimmer: Musik aus den 60er und 70er Jahren. Nicht unbedingt als Inspirationsquelle, sondern um abzuschalten.

Inspiration kann das natürlich auch sein. Aber bei mir reicht da oft eine Idee im Kopf. Oder ein Sample, welches mich packt. Zum Beispiel war eine Reportage über die Skateboardszene in Boston der Anfang für „Amaranto Devoli“. Ein vergangener Auftritt kann auch inspirieren. Zum Beispiel hatte ich letztens in Österreich bei einem Track das Gefühl, dass die Tonlage nicht so recht passt. Aus diesem Gefühl ist dann ein komplett neuer Song entstanden. Es gibt eine Menge Möglichkeiten, Ideen für kreative Prozesse zu bekommen.

Auch ich höre keinen Psytrance um inspiriert zu werden. Wenngleich einige Tracks derzeit dermaßen ins Ohr gehen, dass man sehr schlecht an ihnen „vorbei produzieren“ kann. Ich versuche das aber trotzdem. Bisher bin ich damit auch ganz gut zurechtgekommen.“

Bei großen Projekten und vor allem kurz vor der Fertigstellung, stehen viele Menschen ja immer enorm unter Druck & Strom, was ich auch aus meinem Beruf kenne. Was gönnst du dir nach dem 02.05.2017 zur Entspannung? Oder bist du innerlich immer relaxt?

„Ich denke, ich gönne mir am 03.05.2017 ein Eis! Nein, Spaß beiseite. Ich bin selbstständiger, freiberuflicher Musiker – gemäß meiner Steuerberaterin gibt es da keine wirklichen Pausen. Ich versuche mich zwischen den einzelnen Prozessen zu entspannen. Ob das nun ein Eis schafft oder eine Fahrt an den See – das ist egal.“

Als Hamburger Magazin freue ich mich, dass du gerade in der Stadt bist, um mit Thorsten (Klopfgeister) an einem Remix deines Debüts „Lonely Forest“ zu arbeiten. Woher kennt ihr euch und wie kam es zu der Idee?

„Erst einmal – Thorsten arbeitet daran. Ich halte mich da schön raus. Er wird das schon gut hin bekommen. Tja, der Thorsten – er war der erste große international anerkannte Künstler, der mir damals (ohne mich groß zu kennen) mit gutem Rat geholfen hat. Es ging damals um mein erstes Album „Point of View“ und er half mir bei der Wahl des besten Vertriebsweges. Seit dem kreuzen sich unsere Wege immer wieder. Darüber bin ich auch sehr froh, denn ich mag den Bengel sehr.

Er ist jedoch auch ein Schlitzohr! „Lonely Forest“ zu remixen stand nun überhaupt nicht auf meiner Agenda. Da Thorsten aber der einzige Mensch (neben mir) auf der Welt ist (!), der die Files zu „Lonely Forest“ hat, war klar was irgendwann passieren musste.

Wir beide haben Neujahr 2017  in Zürich eher zufällig die erste Version des Remixes zusammen performt – das war ein sehr schöner Start für mich ins Jahr 2017.“

Feierst du dein neues Album denn gemeinsam mit uns in HH, oder wird man deine neue Produktion eher zuerst auf den anstehenden Festivals hören? Nenne uns ein paar Termine:

„Wir feiern fast alle Tracks schon eine Weile zusammen. Denn die meisten sind schon Bestandteil meiner Sets. Ich bin kein Freund von „Extra-Release-Parties“. Dafür bin ich viel zu schüchtern. Ich pack gern neue Tracks ohne viel Wirbel in die Sets um die Reaktionen zu beobachten. Das ist für mich viel stressfreier und angenehmer als eine, mit viel zu hohen Erwartungen gespickte „Album-Release-Party“ zu planen.

Ja, ich darf 2017 auf einigen Festivals spielen. Den Beginn macht wie fast immer die Psychedelic Experience. Darüber hinaus gibt’s mich noch auf dem Second Horizon Festival, der VOOV Experience, dem Traumwelten Open Air, dem Sea You Festival, dem New Horizon Festival, dem Psychedelic Dedication Open Air, der Indian Spirit, dem Burning Mountain (Switzerland) und dem Son Libre Festival (France) zu hören. Ich hab bestimmt eines vergessen. Für diese Bookings bedank ich mich mal ganz artig an dieser Stelle!“

Klopfgeister & Hatikwa spielen 2017 auch auf dem New Horizons Festival und ihr beide steht dort mit Acts wie Afrojack, Claptone & Chris Liebing zwar nicht auf der Bühne, aber auf dem Lineup. Ist das für dich noch Underground, oder geht es darum gar nicht? Das Festival wurde ja auch hier auf der Seite kontrovers diskutiert, ähnlich wie beim Tomorrowland.

„Gegenfrage: Ist denn Psytrance noch Underground?

Also ich spreche mal hier für mich und nicht für Thorsten. Ich habe ein ähnliches Lineup letzten Oktober 2016 auf dem Beat Patrol Festival in Österreich gehabt. Mit Steve Aoki und Kuchen werfen und und und. Auch im August 2016 auf dem Heaven & Hill Festival gab es verschiedene Stages mit unterschiedlichster Musik. Wir spielen ja, wie du schon sagtest, nicht auf einer Bühne. Sondern jeder Musikstil bekommt seine Stage, die passende Deko und vor allem – sehr wichtig – die Gäste, die die jeweilige Musik hören wollen. Das ist es auch schon. Vom Trubel der EDM Stage bekommen wir im Grunde nichts mit. Und auch die Gäste nicht. Sowohl beim Beat Patrol Festival als auch beim Heaven & Hill Festival war „unser“ Floor absolut und ganz „unser“ Floor. Und es waren zwei meiner schönsten Erlebnisse 2016.

Ich glaube nicht, dass das New Horizon Festival da anders organisiert sein wird. Früher gab es diese Diskussionen auch schon. Da gab es zwar noch nicht den Modebegriff EDM, aber auch auf dem altehrwürdigem Tshitraka Festival gab es schon einen Technofloor. Das Fusion Festival in Lärz lebt noch heute von der Vielfalt der Musikstile. Unter anderem mit einem sehr gelungenem Trancekonzept.

Meiner Meinung nach sollte man diese Festivals nicht überspitzt betrachten. Jeder kann sich vorher informieren, wer im Lineup steht. Und jeder kann dann auch für sich selbst entscheiden, ob ein Besuch lohnt oder nicht. Das ist ja das Schöne – jeder ist frei in seiner Entscheidung. Aber auch in seiner Meinung. Somit werden die Diskussionen auch zukünftig bleiben, denke ich.“

Wie kam es zu dem Booking?

„Von einem befreundeten Veranstalter aus Nordrhein-Westfalen. Der ist auch für die Organisation der Psy-Stage zuständig. Freu mich darauf denn ich kenne ihn schon lange und weiß, dass „unser“ Floor gut wird.“

Ich weiß ja, dass sowas offiziell in der Szene immer gerne geleugnet wird, aber gab es zwischen dir und anderen Artists schon mal sowas wie Konkurrenzdenken bezüglich Klicks, Plays, Likes usw.?

„Natürlich nicht! Nie! Kenn ich nicht. Weiter!“

Würdest du denn prinzipiell abstreiten, dass es sowas in der Szene gibt?

„Prinzipiell würde ich es nicht abstreiten. Aber mir sind diese „Klicks-Likes-Plays-Dings-Bumms“ egal. Mein Augenmerk liegt eher in den Kommentaren von Fans. Darauf reagiere ich – denn darauf kann ich wenigstens reagieren.“

Zurück zu „The Second Narration“ – Die Zweite Erzählung. Was hast du uns mit deinem neuen Release so alles Neues zu erzählen? 

„Vielleicht, dass ich etwas erwachsener geworden bin? Nee, das glaub ich selbst nicht. „The Second Narration“ hat definitiv mehr Tiefe. Das Album gibt mehr von mir und meiner „Arbeit“ der letzten 3 Jahre preis, als vorher geplant war. Ich zeige auch, dass ich über den Tellerrand hinaus schauen kann, wenn man mich lässt.“

Cover des neuen Hatikwa Albums "The Second Narration"
Cover des neuen Hatikwa Albums „The Second Narration“

Wenn du die letzten Jahre, seit deinen ersten musikalischen Schritten, betrachtest – was hat sich für dich verändert? 

„Viel mehr graue Haare als zuvor. Leider einen noch größeren Zigarettenkonsum.

Aber dafür darf ich Kontinente, Länder und Städte bereisen, die ich aus einem 9-to-5-job heraus nie bereist hätte. Ich habe auch das Privileg, europaweit ein wunderbares Netz an Freunden durch meine Tätigkeit gefunden zu haben. Das prägt mich sehr und dafür bin ich sehr dankbar.“

Und wenn du eine Sache aus den letzten Jahren rückgängig machen könntet, welche wäre das? Gäbe es überhaupt eine?

„Ja die gibt es. Fehler macht man aber nur einmal, hoff ich.“

Da dein Künstlername aus dem Hebräischen stammt, kommst du leider nicht um die Frage herum: was hältst du von der israelischen Psytrance-Szene und den anhaltenden Hype rund um „Vini Vici“. Natürlich ist das Geschmackssache, aber wie bewertest du solche Entwicklungen für Psytrance insgesamt?

„Aha … darauf hast du doch nur gewartet. Nun denn, ich denke, dass der moderne Psytrance ohne den starken Einfluss israelischer Künstler nicht da wäre, wo er heute ist. Verstehe das nicht falsch! Ich durfte in den letzten Jahren viele israelische Künstler auf der Bühne sehen und hören – mit vielen Künstlern stehe ich in Kontakt und das Netzwerk wächst. Aber wenn ich eines gelernt habe, dann: spiele nie ein Set vor oder nach Vini Vici – den Kampf verlierst du in den ersten 10 Sekunden. Die wissen einfach, wie man modern produziert.

Du wirst von mir jetzt aber nicht hören, dass der Hype rund um Vini Vici schlecht ist. Ganz und gar nicht. Ehre wem Ehre gebührt. Was mich eher nervt ist der Versuch vieler Künstler, wie Vini Vici zu klingen. DAS macht den Hype leider zu einer Farce. Die Gefahr ist somit mal wieder groß, dass der Hörer die ständigen Wiederholungen leid ist und einer kompletten Stilrichtung den Rücken kehrt.

Und falls du die Kooperation Vini Vici´s mit Armin van Buuren andeuten wolltest, dann hast du recht – das ist Geschmackssache. Für die Szene an sich sollte das kein Weltuntergang sein. Es ist halt Kreativität unter Musikern. Und mal ganz ehrlich, wenn mich Rammstein um eine Kooperation bitten würde – warum nicht.“

Jemand sagte mir mal, dass die israelische Szene & ihre Macher so ihre Eigenarten haben. Was, glaubst du, könnte er gemeint haben?

„Es wäre interessant zu wissen, wann er das gesagt hat. Vor einigen Jahren hätte ich z.B. auch noch behauptet, dass einige Künstler (nicht nur israelische) etwas schwierig sind. Vielleicht meinte er das? Aber ich glaube, dass in der derzeitigen, vollkommen vernetzten und überwachten Medienlandschaft kein Künstler in der Lage ist, sich etwa zu Schulden kommen zu lassen, ohne einen abartig hohen Prestigeverlust zu riskieren.

Ich würde aber gern glauben, dass er eher die positive Eigenart der israelischen Künstler meinte, sich in Netzwerken gegenseitig zu unterstützen. Denn das ist seit Jahren eines der Erfolgsfaktoren israelischer Künstler. Da hinken wir hier in Deutschland z. B. leider noch etwas hinterher.“

Wenn man viel in der Welt unterwegs ist lernt man, gerade als Künstler in dieser Szene, viele verschiedene Szenen & Kulturen kennen. Wie unterscheidet sich die Psytrance Kultur in Deutschland, speziell in Berlin, vom Rest der Welt. 

„Da bin ich leider noch der falsche Ansprechpartner. Einige wichtige Länder, um diese Frage guten Glaubens zu beantworten, fehlen mir da noch. Europaweit kann ich aber behaupten, dass die Unterschiede nicht groß sind. Lediglich der Musikgeschmack variiert – manchmal sogar stärker als erwartet. Spielt Hatikwa z.B. in Italien unerwartet ein Set unter 140 BPM, sollte er sich schon mal Gedanken um eine schnelle Heimreise machen.

Was mich persönlich in Europa fasziniert ist die steigende Professionalität der Veranstaltungen. Dazu gehört auch der Artist Care. Das hatte ich früher gar nicht so sehr im Fokus. Aber wenn ich zum Beispiel mehrere Auftritte an einem Wochenende habe ist es absolut notwendig, die nötige Ruhe dazwischen zu finden. Viele Veranstalter in nahezu allen Ländern Europas können damit auch umgehen. Das ist schon viel wert.“

Und worüber freust du dich am meisten, wenn du wieder in Berlin landest? 

„Leider auf die erste Zigarette nach dem Flug.“

Seit deinen Anfängen vor ca. 8 Jahren, was hat sich seitdem zum Guten und zum Negativen gewandelt, in Bezug auf Psytrance in Deutschland?

„Oh je, darf ich bei dieser Frage bitte die Schweiz sein?“

Nein!

„Dann mach ich es kurz. Segen und Fluch zugleich sind, sowohl für Fans als auch für Künstler, die Sozialen Netzwerke. Transparenz wohin man schaut. Jede Meinung kann kommentiert werden. Kein Detail bleibt verborgen. Sucht und Abhängigkeit zu immer neuen Informationen macht das langsam aber sicher zu einem zweischneidigem Schwert. Da fragt man sich: Ist die Kunst an sich noch bedeutend oder doch eher die Marketingqualitäten des Künstlers? Aber vor allem stell ich mir eine Frage: Wo wäre die heutige Psytrance Szene, wenn Mark Zuckerberg Agrarwissenschaft statt Informatik studiert hätte?“

Wenn du der heutigen Szene 2 Sätze mit auf den Weg geben könntest, welche wären das? 

„Das sind eher meine Leitsätze im Allgemeinen:

  • Bleibe dir und deinen Werten treu.
  • Lass dir von Niemandem sagen, dass du es nicht schaffst. (Okay, den hab ich Will Smith geklaut. Aber dieser Satz begleitet mich seitdem)“

Danke für dieses sehr sympathische und aufschlussreiche Interview.

Weblinks zu Hatikwa & „The Second Narration“

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