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Was zu Weihnachten wirklich auf dem Wunschzettel stehen müsste

In letzter Zeit greift wieder eine Krankheit um sich, die vor allem im Winter auftritt. Die ersten Symptome äußern sich in innerer Unruhe, gefolgt von hektischen Bewegungen. Schweiss tritt auf der Stirn hervor. Der Puls steigt und die Suche nach dem richtigen Gegenmittel ist schwierig. Einigen ist bestimmt sogar schon schlecht davon geworden. Und am Ende greifen viele häufig, wie jedes Jahr zur selben Medizin.

Ich rede nicht vom Norovirus, nicht von Grippe oder Fieber. Die Rede ist vom Weihnachtsshopping. Die verschärfte Form dieser Krankheit trägt den bedrohlich klingenden Zusatz „Last Minute“. Und ein gern‘ verschriebenes Gegenmittel ist der Gutschein. Als ich heute wieder die Menschen durch die Stadt rennen sah, mich eingeschlossen, stellte ich mir eine Frage; warum eigentlich? Gibt es das, was wir uns wirklich zu Weihnachten wünschen (sollten) tatsächlich im Regal oder gegen einen Gutschein zu kaufen? Und ich dachte, diese Frage sollte nicht nur ich mir stellen. Also habe ich meinen ehrlichen Wunschzettel verfasst. Und das Ganze natürlich in einen Artikel verpackt, denn ich betreibe ja schließlich ein Magazin. Dat muss so!

Was sind ehrliche Wünsche?

Ich glaube, dass unser Wunschzettel meistens lediglich ein Synonym für unsere tieferen, innigeren Wünsche ist, die wir entweder selber nicht verstehen, oder nicht aussprechen möchten.

Zugegeben, die Diskussion um Sinn und Zweck von Weihnachten und der Geschenke-Epidemie ist nicht neu. Alle Jahre wieder, sozusagen. Und auch den Satz „Schenke mir bitte nichts, deine Anwesenheit reicht“, haben viele von uns schon Mal gehört. Meistens von den eigenen Eltern. Der Satz ist vergleichbar mit „Ruhe dich einfach aus, trink einen Tee und schlafe ein bisschen“, wenn wir als Kinder krank waren. Er dient der Beruhigung. Welche Eltern möchten an Weihnachten schon das eigene Kind vor schlechtem Gewissen auf dem eigenen Stuhl zusammenklappen sehen, wenn gemeinsam die Geschenke übergeben werden. Da greift man also einfach zu altbewährten Beruhigungsformeln.

Denn glaubt mir; jeder wünscht sich was. Doch uns ist die Fähigkeit ein wenig abhanden gekommen, die echten Wünsche wirklich zu verstehen. Unsere Eigenen und die Anderer. Wichtig ist dabei selten das, was ein Mensch tatsächlich auf seinen Wunschzettel schreibt. Ich glaube, dass unser Wunschzettel meistens lediglich ein Synonym für unsere tieferen, innigeren Wünsche ist, die wir entweder selber nicht verstehen, oder nicht aussprechen möchten. Deshalb schreiben einige „Schmuck“ auf den Zettel, an Stelle von „Liebe“, oder „Urlaubsreise“ statt „Gemeinsame Zeit“. Ernsthaft Gedanken machen solltet ihr euch, wenn man sich von euch prinzipiell schon nur noch „Gutscheine“ wünscht. Denn der Wunsch ist gleichbedeutend mit „Enttäusche mich einfach nicht, das reicht schon“.

Es ist also kein Geschenke-Problem. Es ist ein Kommunikationsproblem. Mit Anderen und mit unserer inneren Stimme. Es geht gar nicht um die Diskussion, ob eine Konsumgesellschaft nun gut oder schlecht ist und was man zu Weihnachten schenken sollte. Die meisten von uns wissen eigentlich, dass sie nicht (nur) gut ist und es geht nicht um das Geschenk, sondern um den Wunsch. Es sind der gesellschaftliche Druck und das unterbewusste Schuldgefühl, zu Weihnachten irgendetwas wieder gut machen zu müssen, was vielleicht nie schlecht geworden wäre, wenn wir im Alltag öfter mal auf unsere und andere Wünsche achten würden. Vielleicht. Ein Schuldgefühl, das uns bei Minusgraden zum Schwitzen bringt und die Vernunft zum Schweigen. Druck, den wir uns selbst auferlegen und den ein ehrlicher Wunschzettel mindern könnte.

Mit diesem Artikel und meinem ehrlichen Wunschzettel möchte ich gar nicht den Anspruch auf die ultimativ-richtige Interpretation von Weihnachten erheben. Ich möchte zum Nachdenken anregen. Zum Nachdenken über die eigenen Wünsche und die Wünsche anderer. Ich werde mich hier nicht über Kapitalismus, Konsumgesellschaft und Religion erzürnen. Das sollen andere tun und das tun sie auch ausreichend. Ich denke, dass man all‘ diese Dinge von selbst infrage stellt, wenn man mal in sich reinhorcht um zu hören, was man sich wirklich wünscht.

Mein ehrlicher Wunschzettel:

  • Ich wünsche mir mehr Selbstvertrauen – für mich & für alle

Warum? Damit wir wieder lernen, an uns zu glauben und auf uns zu vertrauen. Nicht auf Ratgeber, nicht auf Werbung und nicht auf Gurus.

  • Ich wünsche mir mehr Geschichten und weniger Storys

Warum? Weil ich durch Goazin merke, wie viele Geschichten es zu erzählen gibt. Ohne Sensation, dafür mit Herz. Ohne Aufregung, sondern mit Ruhe. Ohne Superlativen, dafür mit Bescheidenheit.

  • Ich wünsche mir, dass ich mich traue, 2017 was Peinliches, Schlechtes oder Dummes aus meinem Leben zu posten

Warum? Weil ich die Ehrlichkeit vermisse; zu sich selbst. Social Media gaukelt uns selbst und anderen ein Leben vor, das wir nicht führen. Wie aufmunternd wäre es, wenn man mal berichtet, was man nicht kann, zu wem man unfair oder unehrlich war, was man ernsthaft bereut? Vielleicht würden wir wieder verstehen, das Höhen UND Tiefen das Leben ausmachen.

  • Ich wünsche mir mehr Rücksicht & Umsicht

Warum? Wo soll ich da nur anfangen…wir leben in Hamburg, ihr wisst was ich meine.

  • Ich wünsche mir, dass ich nächstes Jahr wirklich mal was Gutes tue. Nicht nur zu Weihnachten

Warum? Ich könnte es dieses Jahr mal wieder auf die Arbeit schieben. Tue ich aber nicht. Es ist meine Bequemlichkeit. Jedes Jahr nehme ich mir vor, zu Weihnachten mit Tee, Essen und Decken durch die Stadt zu ziehen und Obdachlosen zumindest zu Weihnachten was Gutes zu tun. Und ich habe es noch nie getan. Weder zu Weihnachten, noch sonst zu einem der 364 anderen Tage im Jahr.

  • Ich wünsche mir mehr Selbstrespekt

Warum? Weil ich glaube, dass sich viele Probleme auf dieser Welt lösen würden, wenn wir uns bei Allem was wir tun, selber beobachten müssten.

  • Ich wünsche mir weniger Mauern und mehr Brücken

Warum? Weil in allen Bereichen unseres Lebens mehr und mehr Mauern entstehen. Psychische und Physische. Christ und Moslem, Schön und hässlich, Jung und Alt, Dark und Proggy…warum nicht Mensch, warum nicht einzigartig, warum nicht lebendig, Warum nicht einfach Musik?

  • Ich wünsche mir eine Xbox One

Warum? Nobody is perfect 😉

Und damit beende ich diesen Artikel auch schon. Kein Fazit, keine universelle neue Erkenntnis. Einfach nur eine angenehme Prise Ehrlichkeit. Und das ist mein größter Wunsch zu Weihnachten. Ehrlichkeit in den Medien, Ehrlichkeit zu sich selbst, Ehrlichkeit untereinander, Ehrlichkeit in der Politik – und Ehrlichkeit auf dem Wunschzettel.

Euch allen eine friedliche Weihnachtszeit.

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