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„Buy (fast) nothing“ Year – Ein Jahr lang ohne Konsum

Minimalismus ist, vor allem in den USA, eine steil wachsende Bewegung. Seine Wohnung jede Woche von Etwas befreien, das man seit Ewigkeiten nicht genutzt hat – so fängt es bei Vielen an. Es geht darum, sein Leben nach und nach auf das Wesentliche zu reduzieren und das Wesentliche ist für jeden etwas Anderes. Es mag hier und da Schnittmengen geben, aber es gibt kein Patentrezept für mehr Sinn und Glück im Leben. Doch wir alles suchen es und sind, jeder auf seine Art, bereit, dafür über Leichen zu gehen. Und genau das macht unglücklich. Das ständige „Mehr“, „Höher“, „Besser“ und „Weiter“. Und es schadet uns und anderen.

Auch Minimalismus ist kein Selbstzweck, kein Patentrezept oder ein Lifestyle, sondern eine von vielen Methoden, die Menschen auch bereits vor Tausenden von Jahren schon kannten und die dabei helfen, wieder zu erkennen, was für einen selbst wirklich zählt und dabei sein Selbstvertrauen zu stärken. Auf die Intuition zu hören. Denn dieses haben viele Menschen, auch ich, Heutzutage komplett an das Feedback der Gesellschaft und die öffentliche Meinung ausgelagert – Lob, Kritik, Likes, Retweets, Follower, „Freunde“ – das sind die heutigen Maßstäbe für „Richtig“ oder „Falsch“. „Wichtig“ und „Unwichtig“. Und auch unsere Ziele und Wünsche, so wie Abneigungen und Ängste, entstehen oft aus dem Außen – ob nun aus Werbung, Bildung, Erziehung, Nachrichten, dem Stammtisch, politischer Ideologie oder anderen Personen. Aber nicht aus uns selbst. Unverhältnismäßiger und rücksichtsloser Konsum ist ein weiteres eindeutiges Symptom für fehlendes Selbstvertrauen und den Mangel an echten und eigenen Lebensinhalten. Viele wissen nämlich gar nicht, wie man auf sich selbst hört bzw. sich selbst Etwas fragt.

„Man darf die Mehrheit nicht mit der Wahrheit verwechseln“ – Jean Cocteau

Kleine Übung für die Schärfung der Intuition

  1. Schreibe ein Problem, ein unerreichtes Ziel oder eine Frage auf, die Du schon lange im Kopf herumwälzt
  2. Nimm‘ dir drei Minuten Zeit und schreibe untereinander alle möglichen Antworten und Optionen auf, die dir einfallen
  3. Wähle den letzten Eintrag dieser Liste und verlass‘ dich auf ihn
  4. Warum den Letzten? Weil der Verstand in der Regel zunächst alle vernünftigen Dinge ausspuckt. Die, die sich so gehören, vermeintlich akzeptabel sind und möglichst sicher – also all‘ das, was wir außerhalb von uns gelernt haben. Bildung, Werbung, Erziehung usw. Erst dann, wenn der Kopf bzw. geprägte Verstand leer ist, folgt die Intuition. Ein sehr einfacher Trick, um zu lernen, wieder auf seine innere Stimme zu hören. Optional kannst du Dich noch fragen, wie sich deine Wahl anfühlt. Ziehen sich Brust und / oder Bauch zusammen oder weiten sie sich? Zusammenziehen heißt „Nein“, ein Gefühl der Leichtigkeit und Weite bedeutet „Ja“. Klingt nach Humbuk? Bericht im Ärzteblatt zum Thema Intuition und innere Stimme. Und auch Goazin ist genau auf diese Weise entstanden. Und auch die Entscheidung zu diesem Experiment – als Antwort auf die Frage an mich selbst: welche Erfahrung will ich im nächsten Jahr machen?

Und es wäre doch schade, das, wie so Viele, erst dann zu erkennen, wenn man dem Tod nahe ist. Dass man im Endeffekt hätte glücklich sein können, wenn man weniger konsumieren und besitzen würde, statt mehr. Wie viel unnötigen Stress und wie viel Produkte, die nicht nur uns, sondern auch unserem Lebensraum und anderen Lebewesen schaden, hätte man sich sparen können? Wie viel Gutes und Sinnvolles hätte ich leisten können, wenn ich nicht ständig von der erschöpfenden Suche nach meinem persönlichen Glück ausgelaugt gewesen wäre? Und wie viel Glück wäre vielleicht genau aus dieser Selbstlosigkeit automatisch erwachsen, ohne, dass ich weiter Energie in die Suche danach hätte investieren müssen? Wie viel im Leben, von dem ich eigentlich weiss, dass es unethisch, ungesund oder unfair ist, tue ich, weil ich mir Glück oder einen Vorteil davon verspreche? Weil ich auf der Suche nach etwas bin, dem ich ständig hinterher renne, das aber eigentlich nur gefunden werden kann, wenn ich mal anhalte? Deshalb setze ich dort an, beim eigenen Konsumverhalten, mit meiner Selbsterfahrung – mit dem  „Buy nothing“-Year – ein Jahr, ohne (unnötigen) Konsum. Als Erfahrung. Nicht als Beweis. Warum ich das mit der Öffentlichkeit teile? Weil das Weitergeben von Erfahrungen elementar ist. Sofern man sie zur Inspiration weitergibt, aber nicht als starre Lehre, allgemeingültige Regel oder Dogma. Es geht mir um den inneren Antrieb in den Menschen, eigene Erfahrungen zu machen und Alles infrage zu stellen, was man nicht selbst als richtig erfahren hat. Anstatt ständig fremde Erwartungshaltungen zu übernehmen und anderen die eigenen aufzuzwingen. Oder sich selbst durch Wissen und Ideale zu definieren, welche man nie vor sich selbst auf die Probe gestellt hat. Weil man nicht weiss, wie es geht. Denn auch Wissen kann man unverantwortlich bzw. nutzlos konsumieren.

„Wenn eure Einsichten meinen Lehren widersprechen, so vertraut auf eure Einsichten.“ – Buddha

Es bringt nichts, schlaue Sätze nur zu kennen. Das bedeutet weder echtes Wissen, noch Erfahrung, welche aber die Grundbedingungen für echte Unabhängigkeit und echtes Selbstvertrauen sind und somit für ein Leben, welches Sinn und Glück spendet, ohne anderen Lebewesen und uns zu schaden. Minimalismus ist ein Weg, wieder in sich selbst zu spüren und nicht in TV-Spots, Schaufenstern und gesellschaftlichen, so wie elterlichen Erwartungshaltungen gezeigt zu bekommen, was man wirklich will. Echte Einsichten zu gewinnen, auf deren Grundlage man Meinungsbildung überhaupt erst betreiben kann. Weiss man das endlich, so ist man nicht mehr vom ständigen Rauschen der Konsumgesellschaft abgelenkt. Man hat Raum für elementare Ziele und Werte im Leben, die Viele in den modernen Gesellschaften verloren haben. Das ist der eigentliche Grund für Unglück. Nicht der Pseudo-Mangel an irgendwas, den man häufig empfindet – die bekannten First-World-Problems. Und aus Unglück, das man unbedingt beseitigen will, resultiert egoistisches und rücksichtsloses Konsumverhalten, was wiederum der Treibstoff für die heutigen weltweiten Krisen ist, so wie für die, in unserem eigenen Leben. So haben wir es nämlich gelernt. Ellenbogen- und Wettbewerbsgesellschaft. Glück müsse man sich verdienen und die, die es nicht haben, seien deshalb selber Schuld daran. Wir hätten schließlich kein Recht auf Glück, sondern müssten es kaufen, erreichen und uns verdienen. Eine sehr gefährliche und assoziale Denkweise. Ich habe mich in einem anderen Artikel schonmal damit beschäftigt: Warum Glück kein Lebensziel sein sollte.

Ursachen von Glück & Unglück

Ich zumindest glaube kaum, dass Glück, also ein Gefühl oder Geisteszustand, Etwas ist, das sich von Natur aus von Karriereleitern, Besitztümern, Stempeln in Reisepässen, Nationalität, sozialer Herkunft, Festivalbändchen und Kontoständen abhängig machen lässt. Es ist etwas viel Elementareres und deshalb auch kein Lebensziel. Es wird zu einem Ziel stilisiert, denn dieses Streben nach Glück befeuert den menschlichen Egoismus, der uns geistig und moralisch lähmt. Unsere jetzige moderne Gesellschaft würde nicht funktionieren, wenn wir glücklich und selbstlos wären, denn sie basiert komplett auf kontinuierlichem Konsum und einem Mangel an Mitgefühl den Verlierern gegenüber. Und Beides würde zum Großteil wegfallen, wenn wir bereits zufrieden wären. Wer würde überteuerte Produkte von ausbeutenden Unternehmen kaufen, die Umwelt zerstören und Menschen ihr Recht auf ein würdiges Leben absprechen, wenn er sich nicht irgendwas davon versprechen würde – vor allem Glück und Bequemlichkeit? Und wer würde Ungerechtigkeit noch weiter tolerieren und vllt. nur gelegentlich mal demonstrieren, wenn er durch aufrichtiges und wirkliches Engagement keinen Rückgang des eigenen Komforts und somit des oberflächlichen Glücks befürchten müsste? Nur die ständige eigene Unzufriedenheit, deren Ursprung sich uns zu entziehen scheint, lässt uns derartig handeln. Die eigentliche Frage ist also, wie wir Glück in uns selbst erzeugen, ohne Einfluss von „Mehr“, „Höher“, „Besser“ und „Weiter“. Aus Selbstlosigkeit und Dankbarkeit, die so zum Antrieb für uns werden, echte Ziele anzustreben, die über Komfort, Bequemlichkeit und oberflächliches Glück hinaus gehen. Und bevor mir nun jemand mit religiösen Heilsversprechen kommt – es geht um höhere Ziele in diesem Leben, nicht im nächsten. Und um diese Dankbarkeit in uns zu finden, müssen wir für den Anfang erstmal damit aufhören, sie zu missachten, indem wir immer mehr und mehr wollen und kaufen.

„Buddha sagt, das Glück bestehe darin, dem andern soviel Gutes als möglich zu tun. Bei oberflächlicher Betrachtung erscheint einem das sonderbar. Und doch ist es so. Glück ist nur möglich unter der Bedingung, dass man sich von allem persönlichen egoistischen Glück lossagt.“ – Leo Tolstoi

Das, was wir in unserer Gesellschaft also als Krönung des eigenen Glücks sehen, Selbstlosigkeit, Hilfsbereitschaft, Mitgefühl und Nächstenliebe, ist eigentlich das Fundament des Glücks. Die Verkennung dieser Tatsache ist ein großes Problem. Vielleicht haben unser Unglück und die massenhafte Unzufriedenheit, die man jeden Morgen in den Gesichtern der Hamburger U-Bahn bewundern darf, oder in den komplett beleidigenden Diskussionen u.a. auch in Psytrance Communities, ja also einen ganz anderen Grund: haben die Menschen nicht ständig von irgendwas zu wenig, sondern viel zu viel? Zu viele Dinge, von denen sie eigentlich wissen, dass sie Schrott sind und die sie deshalb im Endeffekt frustrieren – weil sie diese trotzdem kaufen, nur aus der scheinbaren Alternativlosigkeit heraus. Und dann merken sie, dass die Unzufriedenheit trotzdem immer wiederkehrt. Oft suchen wir Etwas in diesen Dingen, nämlich Glück, Sinn und Erfüllung, was wir eigentlich nur ganz woanders finden können. In uns selbst. Das gleiche gilt auch für die Ursachen des Unglücks. Denn so, wie wir das Glück außerhalb von uns suchen, so suchen wir auch stets die Ursachen für Unglück im Außen. Eine Sache fehlt immer zum Glück, irgendwas muss man noch erreichen. Da es mit einem selbst ja wohl nichts zu tun haben kann, wenn man unzufrieden ist, sucht man die Gründe für die eigene Unzufriedenheit stets in Etwas, das einem noch fehlt, oder in der Ungerechtigkeit anderer usw., aber selten in der eigenen Haltung oder generell bei sich selbst. Ob man Unglück und Lebensereignisse nun Schicksal oder Zufall nennen mag, das ist völlig egal, denn Beides ist irrelevant, in Bezug auf unsere jetzige Situation und unser Handeln in der Gegenwart. Das haben wir schließlich immer selbst unter Kontrolle. Auch ich neige dazu, Lösungen bei Anderen bzw. Außen zu suchen, ebenso wie ich dazu neigte, meine Schuld auf Andere abzuwälzen. Ob nun auf Menschen oder gesellschaftliche Gegebenheiten. Es ist nämlich bequemer, die Kontrolle über das eigene Leben abzugeben, anstatt sich dieser bewusst zu sein und sich somit einzugestehen, dass die einzigen Gründe, für das eigene Unglück und die eigene Unzufriedenheit, so wie letztendlich auch für das Unglück in der Welt (in der Summe), das eigene Handeln und Denken sind. Dann doch lieber eine ungerechte Welt und die böse Politik, die an allem Schuld ist. Und in einem Punkt stimmt das: wir werden bewusst in einem Hamsterrad der Glückssuche gehalten, das wir nicht verlasse können, sobald wir dem Dogma folgen, dass man Glück nur erreichen, verdienen und kaufen kann und es nicht als das sehen, was es ist: Einstellungssache und Grundlage unseres Lebens, nicht Ziel. Schwups, das Hamsterrad hört auf sich zu drehen.

Der Esel, dem die Karotte Namens Glück vor den Kopf gebunden wurde und der ihr seit Jahren hinter her rennt, ist mal kurz angehalten und hat gemerkt, dass er dem Glück gar nicht hinterher rennen muss. Es gehörte schon immer zu ihm. Er musste nur mal anhalten, um das zu merken. Genau das ist die Hypothese meines Minimalismus-Experiments. Vielleicht will ich also doch was, beweisen, sonst bräuchte ich keine Hypothese. Aber nur für mich selbst 😉

„Der zufriedene Mensch, wenn auch arm, ist glücklich. Der unzufriedene Mensch, wenn auch reich, ist traurig“ – Buddhistisches Sprichwort

In Bezug auf Psytrance würde ich es z.B. spannend finden, den Floor und die Lichtshows auf Events mal wieder zurückzufahren und andere Dinge in den Mittelpunkt zu stellen – die Gemeinschaft der Besucher zum Beispiel, mehr Workshops und mehr Sinn. Ich weiss, sehr pauschal. Sonst geht nämlich früher oder später eine der letzten alternativen Kulturen, die zumindest in die Richtung der Selbstlosigkeit tendiert, sie aber zunehmend aus den Augen verliert, auch noch verloren. Dieser Szene wohnt immer noch eine hohe Transformationskraft inne, was ich ja an mir selber merke. Wie viele Bankiers und gut-situierten Bürger trifft man zunehmend auf dem Floor an und spürt richtig, wie sie sich durch die Events verändern. Aber das wird nicht von alleine immer so weitergehen. Wir müssen mit daran arbeiten.

Ich halte temporären Konsumverzicht (mit Abstrichen), den man vllt. in regelmäßigen Intervallen vornimmtdeshalb für eine spannende Methode, sich wieder mehr auf sich selbst zu konzentrieren, was nach Egoismus klingt, im Endeffekt aber ein Weg ist, den Egoismus zu überwinden. Denn die komplette Motivation, die uns sooft zu fehlen scheint, wenn es darum geht, Gutes zu tun und man sich am Ende dann doch lieber ausruht, fließt in das egoistische Streben nach Glück. Das ist der Kern des Problems. Dieses Glücksstreben durch eine Konsumpause infrage zu stellen und zu durchbrechen, kann einem spannende Erkenntnisse bringen. Wenn man es für sich tut und nicht, um etwas zu beweisen, wovon man sich ja wieder was Egoistisches verspricht. Tut es, um herauszufinden, was ihr in dieser Welt verändern wollt, was ihr tun wollt und schöpft aus diesem neuen Selbstvertrauen Kraft, diese Aufgaben auch zu meistern. Seid selbst die Veränderung, die ihr euch wünscht, für diese Welt. Vielleicht wird die Bedeutung dieses bekannten Gandhi Zitats schon etwas klarer. Begonnen hat all‘ das mit meiner kleinen To-Do-Liste für Weltverbesserer, die ein erster Ansatz in diese Richtung meines Lebens war. Dieses Experiment, was ich mit diesem Artikel beginne, ist also die Konsequenz aus vielen Überlegungen und Erfahrungen.

Ist Zufriedenheit Einstellungssache?

Zumindest sind Glück und Zufriedenheit nicht gleichbedeutend mit Wachstum, Komfort und Luxus. Denn Menschen und Glück gab es schon vor Konsumgesellschaften. Wieso meinen wir also Heute, Dinge zum Glück zu brauchen, die für den Großteil der Welt und andere Menschen Leid bedeuten? Wieso denken wir, dass wir mehr Recht auf Glück haben als Andere? Vielleicht denken wir nicht so, aber wir handeln so. Bereits dann, wenn wir einem Bettler das Kleingeld verweigern, weil er sich davon Schnaps kaufen könnte. Oder uns moralisch über andere Menschen erheben. Tut es gerne, ich kann moralische und dogmatische Verbote nicht leiden. Aber seid euch dabei bewusst, dass es Unglück bedeutet, denn das Gewissen des Unterbewusstseins und auch euer Wissen um die Unterschiede zwischen egoistischem und nicht-egoistischem Glück ist größer als ihr vielleicht glauben mögt.

„Die ganze Geschichte der menschlichen Selbstgerechtigkeit beweist, dass der Mensch sich nicht danach beurteilt, wie er handelt, sondern nach seinem besseren Wissen, wie er handeln sollte.“ – Bathold Gerog Niebuhr

Glück ist eine Grundeinstellung und kein Ziel, die aus der Dankbarkeit für das resultiert, was wir bereits sind und was wir bereits haben. Sind wir nicht glücklich mit dem, was wir haben, so werden wir nie glücklich mit dem, was noch kommt. Diese Dankbarkeit wiederzufinden, um aus ihr Kraft für wirklich positives Handeln und echte Weiterentwicklung meinerseits zu schaffen, das ist meine Erwartung an mein minimalistisches Experiment. Denn solange ich konsumiere und immer mehr anstrebe und kaufe, solange entwickelt sich auch keine Dankbarkeit für das bloße „Jetzt“. Ich möchte Platz in meinem Leben schaffen und mich weniger ablenken. Denn das Gute daran, auf sich selbst zu hören ist es, dass es keine falschen Entscheidungen geben kann. Fast Alles, was dieser Welt und anderen Lebewesen schadet, ist eine Konsequenz der Identifikation mit den Erfahrungen, Wünschen und Zielen Anderer, die wir nicht in uns, sondern Außerhalb von uns gefunden haben. Konfrontieren wir uns mit uns selbst, ohne uns durch Konsum, Entertainment, Vegleiche und andere Dinge abzulenken und schaffen Platz im Leben, dann gibt es keinen Zweifel mehr daran, dass wir das Richtige für uns erkennen werden. Und das wahrhaft Richtige für uns ist immer auch das Richtige für Andere. Auch, wenn es sich anders äußert. Oder wie es David Hume ausdrückte:

„Moralische Empfindungen sind in der Natur des Menschen festgelegt und kein Produkt rein vernünftiger, intellektueller Überlegungen.“ – David Hume

Wie das „Buy-Nothing“-Year helfen kann

Oft vergleicht man sich nur zu gerne mit Anderen. Ob nun mit direkten Freunden und Bekannten, oder nur mit dem Idealbild, welches in einer Subkultur oder Mainstream-Kultur vorherrscht. Oder mit den Bildern in Online-Medien und Magazinen. Das ist nicht schlimm. Schlimm ist es, sich das nicht einzugestehen. Auch ich habe dafür ziemlich lange gebraucht. Denn aus diesem Vergleichen und Anstreben, ohne sich jemals selbst gefragt zu haben, was man wirklich im Leben tun will, entstehen Wünsche, Ziele und Hoffnungen, so wie Ängste und Ablehnungen, die nicht zwangsläufig unsere eigenen sind. Und das schafft Unglück, denn das was wir wirklich sind (und keiner von uns muss mehr sein als das, was er oder sie bereits ist), ist dann nicht mehr das, was wir gerne sein wollen. Das äußert sich oft in den Dingen, die wir kaufen, besitzen und erleben wollen. Solange wir diese Dinge nicht in uns selbst finden und ihren Wert in uns selbst auf die Probe gestellt haben, sollten wir sie nicht anstreben, nur weil wir irgendwas blind hinterher laufen. So ist Unglück vorprogrammiert. Auch deshalb möchte ich das „Buy-Nothing“-Year. Ich will gucken, welche Bedürfnisse, die ich jetzt für elementar in meinem Leben halte, am Ende wirklich bleiben.

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Warum wollen wir überhaupt ständig irgendwas werden oder haben, was wir nicht schon sind oder besitzen? Mein Ziel ist es, von dem, was ich geworden bin, durch falsche Leitbilder und geschickte Suggestionen, zu dem zurückzukehren, was ich war – Mensch. Nicht Kapitalist, Nicht Hippie, Nicht EsoNicht Demokrat, nicht Mann, nicht Frau, nicht Kommunist, nicht Links, nicht Rechts, nicht Kaufmann, nicht Bankier, nicht Sportler, nicht Politiker, nicht Schriftsteller, nicht Goanaut, nicht Musiker, nicht Buddhist, nicht Christ, nicht Moslem. Nicht Konsument. Nicht Vegetarier. Nicht Veganer. Nicht Fleischfresser. Mensch reicht vollkommen aus und ist schwierig genug. Oft so schwierig, dass einige sich lieber auf einen der genannten Teilbereiche fixieren und sich damit komplett identifizieren. So sehr, dass man irgendwann mit verbaler oder physischer Gewalt immer lauter und brutaler für Etwas eintritt, worüber man nur gelesen hat, aber nie selbst erfahren und vor sich selbst auf die Probe gestellt, z.B. mit der Eingans genannten Übung. Wer wären wir schon, Karl Marx, Keynes, Leary, Smith, Hegel, unseren Chef, enge Freunde, Freud, Darwin, Einstein, Buddha, Aristoteles, Jesus oder sonst wen infrage zu stellen. Infrage stellen bedeutet aber nicht, sich über Etwas oder Jemanden zu erheben. Es bedeutet das, was das Wort schon sagt – man gleicht seine eigenen Erfahrungen mit den Worten Anderer ab, anstatt seine Erfahrungen und Werte an die Worte Anderer anzupassen. Womit wir wieder beim Selbstvertrauen wären. Denn nichts Anderes haben die oben genannten Menschen getan – Erfahrungen gemacht und weitergegeben, statt wie wir Wissen Anderer als Eigenes auszugeben. Ohne Erfahrungen und Konfrontation mit unserem Inneren bleibt Wissen wertlos. Warum sollten alte Lehren, Wirtschaftsmodelle, Szenehelden und politische Ideologien wahrer seien als unsere Erfahrungen im Hier und Jetzt? Weil sie alt sind? Wohl kaum. Meine Erfahrungen bis zum heutigen Tag haben mir gezeigt, dass ich dieses Experiment machen möchte und machen sollte. Völlig egal, was irgendjemand dazu sagt. Ob positiv oder negativ.

„Alte Konditionierungen aus dem Kopf zu entfernen und den Geist zu trainieren, mehr ausgeglichener mit jeder Erfahrung zu sein, ist der erste Schritt, um wahres Glück zu erfahren.“ – S.N. Goenka

Sowas kann einem keiner beibringen – vor allem nicht das Schulsystem und die Eltern. Noch weniger die Werbung und in den Medien stilisierte Leitbilder und Ideale. Man muss keine Angst haben, sich dabei falsch zu entscheiden, wenn man auf sich selbst vertraut. Das Leben ist kein Problem, das gelöst werden will, sondern eine Erfahrung die es zu machen gilt. So in etwa hat es Buddha vor rund 2.500 Jahren ausgedrückt. Erst, wenn wir zufrieden mit uns sind, so, wie wir sind und wissen, wer wir sind, können wir zufrieden durch das Leben gehen und endlich wirklich aktiv werden – unserer Natur entsprechend. Und das schafft ungeheuer viel Kraft und Motivation, die uns Heute nach einem Arbeitstag dauernd zu fehlen scheint, sobald es um Selbstlosigkeit, Weiterbildung und geistige Entwicklung geht.

Das ist das ganze Geheimnis. Glück ist dann nämlich kein Ziel mehr, sondern die Grundlage unserer Selbstbestimmung und Freiheit, aus der heraus wir aktiv werden können – für echte Ziele, die wir in uns gefunden haben. Die Energie, die wir darin investiert haben, Etwas zu erreichen (vor allem Glück), können wir nun darein investieren, einfach zu tun und zu sein – um Sinn zu finden, unsere Berufung, anstatt materielles und komfortables Glück, das immer wieder verschwindet, sobald wir es erreicht haben. Auf jeden Wunsch folgt ein nächster.

„Wo sich deine Talente mit den Bedürfnissen der Welt kreuzen, dort liegt Deine Berufung.“ – Aristoteles

Um also überhaupt zu verstehen, was wir tun wollen, müssen wir die Bedürfnisse anderer ernstnehmen und schauen, wie wir helfen können. Daraus entsteht automatisch Glück. Es wird zur Nebensache, denn Glück ist eine Art Energielieferant für unser Handeln, nicht das Ziel unseres Handelns. Solange wir Glück als Ziel betrachten sind wir bereit, Alles dafür zu tun. Jeder, der uns sagt, hier oder dort fänden wir Glück, hat Macht über uns – Werbung, Politik, Wirtschaft. Das macht uns manipulierbar. Und das wiederum stürzt die Welt in das Chaos, welches wir Heute an jeder Ecke sehen. Dabei muss man verstehen, dass auch die Akteure, die dafür auf manipulative Weise verantwortlich sind, nicht besser oder schlechter sind als wir. Sie handeln aus denselben Motiven wie wir, solange wir auf Glückssuche sind. Sie haben nur mehr Macht. Deshalb ändern Revolutionen auch nichts. Solange wir Revolution anstreben, weil wir meinen, uns ginge es schlecht und wir hätten ein Anrecht auf mehr Glück, indem wir es Anderen wegnehmen, bleibt das Motiv egoistisch. Und sobald die Revolution vorbei ist, folgt irgendwann die nächste. Deshalb sage ich euch auch nicht wo ihr Glück findet, sondern wie: indem ihr auf euch Selbst hört. Nicht auf mich oder irgendwen anders. Das Minimalismus Experiment kann als Erfahrung dabei helfen, diese Aussage zu verstehen, statt sie nur zu lesen und nachzuplappern.

Bleib so wie du bist – und mach‘ was daraus

Denn die Diskrepanz zwischen unserem inneren Selbst, also dem, was wir eigentlich sind, und dem, was wir sein wollen oder glauben zu sein, macht unglücklich, solange wir uns ihrer nicht bewusst sind, weil wir im Außen nach Glück suchen. Solange probieren wir ständig, unsere Unzufriedenheit auszugleichen, auf verschiedenste Arten. Man schafft Konflikte, wo keine sind, um sie dann zu lösen oder als Ursache für das eigene Unglück zu definieren. Man sieht andere Menschen nicht als Multiplikator sondern als Bedrohung für das eigene Glück, vor allem dann, wenn diese einen mit ihren Problemen und ihrem Leid belasten. Man hört nicht mehr zu, man wartet, bis man selber dran ist mit Reden. Denn das Ego kann nur existieren, indem es zwischen „Mein“ und „Dein“ trennt und „Mein“ dabei stets als wichtiger erachtet. Solange ist der Mensch immer auf Wachstum angewiesen, weil er nie mit dem zufrieden sein wird, was er bereits ist und hat. Obwohl wir Alle (in diesem Teil der Welt) das durchaus könnten. Dieser ständige Wunsch nach „Mehr“ ist das Problem unserer Zeit. Denn „Mehr“ macht nicht glücklich. Mehr macht kaputt. Ohne inneres Glück fehlt das Fundament eines wahrhaft freien und selbstbestimmten Lebens, aus dem heraus man gut auf diese Welt einwirken kann.

Das geht nämlich erst, sobald wir nicht mehr aus egoistischen Motiven heraus handeln. Diese können sehr vielseitig sein. Deshalb erfordert ihr Aufspüren und Auflösen Zeit und Ehrlichkeit mit sich selbst. So wollte ich diese schlauen Worte nicht mehr länger nur kennen und schreiben, sondern erfahren. Sich selbst nur entwickeln zu wollen, um sich selbst besser zu fühlen, ohne die Absicht, damit auch allen um uns herum zu helfen, ist egoistisch. „Bleib so wie du bist“ heißt also nicht, dass du nicht an dir arbeiten sollst. Es heisst, dass du dich nicht hin zu „Mehr“, „Besser“ oder „Schöner“ entwickeln musst, um an dir zu arbeiten. Arbeiten an sich selbst bedeutet, an seinen Motiven zu Arbeiten, so wie an seinem Mitgefühl und an seiner Nächstenliebe. Selbstoptimierung bedeutet Selbstlosigkeit und nicht Optimierung in Richtung eines noch größeren Egos. Denn Wachstum ist in keiner Art und Weise ein Indikator für mehr Glück. Glück ist das Einzige, das wächst, wenn man es teilt 😉 (Albert Schweitzer)

Wachstum des BIP im Verhältnis zum Wachstum des Glücksempfindens der Menschen - Studie:
Wachstum des BIP im Verhältnis zum Wachstum des Glücksempfindens der Menschen – Studie: Lebenszufriedenheit und Wohlbefinden in Deutschland

Ich möchte durch den Konsumverzicht herausfinden, ob das tatsächlich stimmt. Denn wenn es stimmt, ermöglicht das wirklich tiefgreifende Veränderung im eigenen Leben. Und je mehr Menschen diese Veränderung anstreben, ohne Dogmen und Rituale, desto mehr wird die Welt sich zur Menschlichkeit hin wandeln. Ich persönlich tue nämlich aktuell ziemlich viel, um glücklich zu werden, von dem ich eigentlich weiss, dass es Quatsch ist. Oder anderen Lebewesen sogar schadet. Es geht darum zu spüren, dass ich überhaupt nichts mehr Neues brauche und nichts von den Dingen, von denen ich weiss, dass sie scheisse sind, um glücklich zu sein. Ich habe nämlich keinen Grund, unglücklich zu sein. Ich lebe, habe beide Elternteile, lebe in einer der wenigen noch friedlichen Regionen der Welt, übe einen Beruf aus, der zumindest entfernt mit meiner Leidenschaft und meinem Talent zu tun hat, habe Zugang zu medizinischer Versorgung und Lebensmitteln und sogar Menschen im Leben, die mich lieben. Wieso reicht all‘ das nicht, um endlich selbstlos und fair zu handeln? So zu handeln, dass diese Gesellschaft und, theatralisch formuliert, diese Welt noch eine Zukunft hat, die über ein paar Jahrzehnte hinaus geht.

Je mehr das, was wir schreiben und gerne über uns sagen dem widerspricht, was wir tatsächlich tun und sind, desto unglücklicher werden wir und desto weiter rücken echte Ziele und Werte von uns ab. Sie weichen dem ständigen Streben nach Glück, welches wir vielleicht eigentlich schon lange in uns tragen. Und desto mehr steigern wir uns in eine unnötige und zunehmend egoistischere Glückssuche hinein, die uns im Kreis laufen lässt und zu Stillstand im Leben führt, der uns nur nicht so vorkommt, weil er durch scheinbaren Fortschritt, der letztendlich seit Jahrzehnten immer nur eine komfortable Weiterentwicklung des vorherrschenden Status Quo ist, überlagert wird. Die echten Kernfragen der Menschheit, Hunger, Umwelt, Krieg und Frieden, die sind nach wie vor unbeantwortet geblieben – trotz Google, Apple, Tesla, amazon & Co.. Alles, wonach wir streben, ist eine komfortable Verfeinerung des Status Quo. Diese Konzerne liefern uns Antworten auf Fragen, die wir nie gestellt haben und lassen uns gleichzeitig die ursprünglichen Fragen vergessen. Ein manipulatives Meisterwerk.

„Glück ist, wenn deine Gedanken, dein Handeln und dein Tun im Einklang sind.“ – Mahatma Gandhi

Statt nämlich echten Zielen zu folgen und wichtige Fragen zu stellen, investieren wir unsere Energie ausschließlich ins Glücklichwerden. Was schwer ist, wenn man sich nie wirklich ehrlich fragt, warum man eigentlich unglücklich ist. Und ob Glück das einzige Ziel des Lebens sein sollte. Allgemein habe ich mir selbst in den letzten 20 Jahren ziemlich wenig Fragen gestellt, geschweige denn, diese auch ernsthaft beantwortet. Weil ich die Antworten stets außerhalb von mir gesucht habe und deshalb meinte, sie schon gefunden zu haben. Ob nun in schlauen Büchern, Dokumentationen, unserer Schulbildung, Diskussionsrunden, Werbespots, Facebook-Posts oder sonst wo. Wissen hat Erfahrung ersetzt und deshalb befinden wir uns gesellschaftlich in einer Art geistigem Stillstand. Wir reden von Fortschritt, meinen aber eigentlich nur Komfort und Bequemlichkeit. Wir reden von Wissen, aber wissen nicht, wovon wir reden. Weil wir nicht erfahren. Der Anfang jeglicher Sinnfindung und Glückssuche sollte also eine Konfrontation mit sich selbst sein. Artikel-Tipp: 102 Fragen, die wir uns stellen sollten. Auch Meditation kann uns dabei gute Dienste leisten.

„Ob ein Mensch klug ist, erkennt man an seinen Antworten. Ob ein Mensch weise ist, erkennt man an seinen Fragen.“ -Nagib Machfus

Beim Minimalismus geht es am Ende darum, durch das Erkennen des Wesentlichen, seine wirklichen Ziele und den individuellen Sinn seines Lebens zu erkennen. Denn dieser bleibt verborgen, solange wir unsere Ziele und Wünsche aus der Außenwelt ziehen, anstatt aus uns selbst. Aus Erwartungshaltungen, gesellschaftlichen Vorstellungen, Werbung, Lifestyle-Magazinen usw. Kaum jemand setzt sich mal wirklich eine Stunde auf seinen Hintern und fragt sich, was er wirklich will. Wenn ich euch jetzt bitten würde, eine Liste eurer Ziele im Leben zu formulieren, so würden wahrscheinlich fast immer Dinge auftauchen wie Gesundheit, Glück, Sicherheit, Reisen, dieses oder jenes Festival, die Welt sehen, irgendwas Bestimmtes lernen – und all‘ diese Wünsche haben fast immer dasselbe Ziel: Zufriedenheit. Warum aber sind wir jetzt noch nicht zufrieden? Zu wenig Geld? Ungerechte Lohnverteilung? Gemeine Mitmenschen? Ein Blick über die EU-Grenzen hinaus sollte uns eigentlich zeigen, wie schwachsinnig diese Sicht der Dinge ist. Uns geht es gut. Mir braucht man dazu nicht sagen. Und das wissen wir auch. Eigentlich. 

Warum ich Minimalismus probieren möchte

Der Schüler kam zum Meister und sagte „Ich will Zufriedenheit!“. Der Meister sagte:“Streich‘ das „Ich“, denn das ist Ego. Dann lass‘ das „Will“ weg, denn das ist Verlangen. Und dann sieh‘, was übrig bleibt: Zufriedenheit“ – Kurzgeschichte aus dem Buddhismus.

Durch all‘ diese Fragen, die ich mir selbst gestellt habe, aufgrund meiner eigenen Unzufriedenheit, entstand meine Motivation zu meinem persönlichen „Buy (nearly) nothing“-Year. Also ein Jahr ohne Konsum, von dem ich mir Etwas erhoffe, das über die Erhaltung meiner körperlichen Leistungsfähigkeit und Vitalfunktionen hinaus geht. Ich meine, hätten all‘ die Wünsche uns glücklich gemacht, die man bisher schon im Leben hatten und die man sich auch oft erfüllt hat, dann wäre man es doch (glücklich), ohne ständig noch was und noch was kaufen oder erreichen zu müssen und dabei gerne mal zu ignorieren, wie sich das auf Alles um uns herum auswirkt oder mittelfristig auswirken könnte. Soll man bis zum Tod zwischen kurzen Glücksmomenten und langen Momenten der Wünscherei, Hoffnung auf eine bessere Zukunft und Unzufriedenheit wechseln? Ich glaube nicht, dass weniger Komfort, Technik oder Bequemlichkeit das ist, wovor man sich fürchten sollte, sondern einzig und allein‘ die Reue auf dem Totenbett. Nichts Anderes wird am Ende wirklich noch von Bedeutung sein und nichts wird so wenig durch das beeinflusst, was man besitzt. Außer das eigene Glück vielleicht 😉

Genauso wenig glaube ich, dass, aus einem Glück von Innen heraus, Antriebslosigkeit und Faulheit entstehen, ähnlich wie bei der Debatte um das Grundeinkommen. Ich glaube viel mehr, dass inneres Glück viel mehr Energie und Motivation für wahre Ziele und Disziplin im Leben freisetzt, weil die Energie nun nicht mehr in die sinnlose Glückssuche fließt, so wie in die damit einhergehenden Selbstzweifel, das Selbstmitleid, das Wettkampfgehabe, Hoffnungen, Ängste, Ärger, Wünsche usw. Interessant dazu: 5 Dinge, die Sterbende am häufigsten bereuen, auf BuddhaMe.de. 

Kurz gesagt: Glück wird nie dauerhaft sein, wenn die Dinge, von denen es abhängt, vergänglich sind. Ich will nicht aus Prinzip verzichten. Ich erkenne darin eine Möglichkeit, einmal ernsthaft zu erfahren, was mich wirklich glücklich macht und mich ausmacht. Und was nicht. Was ich also aus meinem Leben streichen kann. Verlangen loszuwerden und durch Sinn zu ersetzen. Nicht, um einfach nur aus einem Selbstzweck heraus glücklich zu sein, sondern weil unser ganzes Leben auf diese Glückssuche ausgerichtet ist. Um zu leben, muss die Glückssuche also beendet werden.

„Ihr wartet jede Woche auf den Freitag, jedes Jahr auf den Sommer und ein Leben lang auf euer Glück. Wann lebt ihr?“@lisablueair

Unsere Erwartungen ans Glück

Egal, ob Erlebnis oder Materiellesoft verspricht man sich Etwas von diesen Dingen, was sie einem nicht geben können, wenn es nicht schon vorher in einem selbst existiert hat: Glück. Das wird auch deutlich daran, wenn Menschen die Momente, die sie erleben, verpassen, weil sie jedem davon erzählen müssen – via Smartphone. Der Moment an sich scheint nicht zu reichen. Wie wurden Menschen nur vor Smartphones glücklich? Von diesem Mitteilungsdrang verspricht man sich wiederum gutes Feedback und Anerkennung – also wieder Glück. In gewisser Weise tue ich das auch mit diesem Beitrag, denn niemand ist perfekt 😉 Obwohl der Moment an sich schon genug Grund zur Freude bietet, wenn man ihn denn auch voll mitkriegen würde. Und was, wenn das Feedback ausbleibt? War der Moment dann weniger wert? Mir gefiel deshalb auf der Psyi-Fi der Satz Make memories not pictures sehr gut. Zu meiner Verteidigung: die Bilder im Review stammen fast alle von Fotografen und nicht von mir 😛

Wenige Menschen sind wirklich böse oder für Massentierhaltung, für Umweltzerstörung oder für Oberflächlichkeit. Aber viele Menschen sind für Bequemlichkeit, für Stabilität und gegen Selbstkritik und Veränderung. Und sie mögen die Produkte, die daraus entstehen. Aber nicht um der Produkte Willen, sondern wegen den damit verbundenen und oft falschen Versprechungen, von Glück und Lebensqualität. Bedenkt bitte, dass es sich hierbei nur um Beispiele handelt, die ich aus meinem Leben kenne. Nichts ist prinzipiell schlecht, auch kein Smartphone – es geht um unsere jeweils damit verbundene Erwartungshaltung.

Es ist aber ein klar ersichtlicher Widerspruch, wenn man sich von einer ungesunden und unbewussten Lebensweise Glück und Lebensqualität verspricht. Etwas, was uns früher umbringt, das bedeutet keine Lebensqualität, nur, weil wir die Möglichkeit haben, es zu tun. Nichts gegen ungesunde Lebensentscheidungen, aber bitte hört auf, euch davon irgendwas zu versprechen – auch keine Freiheit oder Selbstbestimmung, denn das ist ein simpler, werbeinjizierter Trugschluss. Ich habe viel Verständnis für Menschen, die sich für Ignoranz und Konsum entscheiden. Kein Verständnis habe ich, wenn sie diese Entscheidung als allgemeingültig und richtig verkaufen. Das gilt aber auch für die „andere“ Seite.

„Wir tun, was wir können. Das ist ja das Schreckliche“ – Peter Cerwenka

Es gibt nicht den einen Weg

Diese Lösungen und Patentrezepte werden mittlerweile in einer Vielfalt angeboten, die überfordert. Leider ist es mit Bewegungen nämlich so, dass sie ständig Gurus hervorbringen, die meinen, den Schlüssel zu haben. So auch im Minimalismus (Warum mich die Minimalismus-Bewegung mittlerweile richtig ankotzt). Und so auch in der Goa Szene. Dieser Schlüssel liegt aber nur in jedem selbst und sieht immer anders aus, genauso wie wir Menschen selbst. Das Geheimnis ist es, endlich selbst auf die Suche zu gehen, statt Theorien zu wälzen und schlaue Sätze bei Facebook zu teilen. Nicht alles, was Andere einem lehren, ist falsch. Aber es bringt uns nichts, solange wir es nicht für uns selbst als richtig erkennen und es stattdessen nur übernehmen, weil wir uns etwas davon versprechen. Man muss eigene Erfahrungen zu machen – ohne Prämisse oder Erwartung. Das Einzige, was Menschen in diesem Zusammenhang tun sollten ist, sich gegenseitig dazu zu inspirieren, selbst zu erfahren, statt Dogmen und Erfahrungen Anderer als allgemeingültige Regeln zu verkaufen. Das ist das einzige, was ich bisher als allgemeingültige Regel im Leben erkannt habe – abgesehen von den Naturgesetzen.

Die einen verurteilen den Fleischkonsum, die anderen tierische Produkte, andere Drogen, andere Alkohol statt Drogen und wieder andere Technik. Doch keiner sucht gerne nach Fehlern bei sich selbst oder im grundlegenden Prinzip hinter dem Konsum und der Erwartungshaltung, die wir ihm ständig entgegen bringen – egal, von was. Vielleicht würde der übermäßige Fleischkonsum ja automatisch aufhören, wenn wir die Motivation und Geisteshaltung dahinter angingen. Denn pervertierter Fleischkonsum ist bei Weitem nicht das einzige, was uns Probleme macht und auch in diesem Text nur ein Beispiel. Ich selbst esse Fleisch, wenn auch schon ca. 50% weniger als vor dem Beginn dieses Experiments. Aber nicht, weil ich mich dazu verpflichtet gefühlt habe oder das mein Ziel war. Es war eine logische Konsequenz der Erfahrungen, die ich bisher gemacht habe. Eine Begleiterscheinung der Behandlung eines ganz anderen Problems – der egoistischen Glückssuche im Konsum.

„Tu‘ was du willst. Aber nicht, weil du es musst.“ – Buddha

Wer kein Fleisch ist, ist kein besserer Mensch. Er oder sie isst kein Fleisch. Sonst nichts. Deshalb kann man trotzdem egoistisch sein oder durch anderes Konsumverhalten Lebewesen schaden. Gleichzeitig ist aber auch nichts falsch daran, kein Fleisch zu essen. Wer Drogen nimmt, und sich davon Bewusstseinserweiterung verspricht, der ist nicht bewusster. Er nimmt Drogen. Wo kein Bewusstsein ist, kann auch keins erweitert werden. Und wenn jemand meint, er bräuchte für Bewusstwerdung prinzipiell Drogen, dann ist kein Bewusstsein da. Es geht bei all‘ diesen Dingen darum, sie nicht als Selbstzweck zu betrachten. Sie sind Mittel und Wege, um sich dahin zu entwickeln, wo wir ursprünglich herkommen, nicht dahin, wo wir aus egoistischen Glücksmotiven heraus hin wollen. Zurück zu Kooperations- und Hilfsbereitschaft, Mitgefühl und Fairness – allem gegenüber. Nicht zu irgendwelchen höheren Wesen. Die Sucht nach materiellen Daseinsformen ist identisch mit der Sucht nach immateriellen Daseinsformen, in denen man hofft, dem Hier und Jetzt zu entfliehen – für einen übergeordneten Zweck. Das ist dieselbe Art von Ablenkung von den Tatsachen und sich Selbst wie Fernsehen oder Konsum. Solange wir dazu neigen, uns durch solche Dinge wie fleischlose Ernährung, spirituelle Wesen oder sonstwas zu definieren und sie als einzig richtigen Weg anzupreisen, tun wir genau dasselbe wie ein Technikproduzent, der seine Ware als die beste bewirbt – wir suchen Bestätigung und eine Mehrheit für unsere Meinung. Aber darum geht es nicht. Man kann die Menschen nicht retten. Das muss jeder selbst tun. Die Aufgabe lautet Inspiration und Motivation zur Erfahrung, statt erhobener Zeigefinger und „Mein ist wichtiger bzw. richtiger als Dein.“.

„Bevor du Etwas sprichst, lass deine Worte durch drei Tore reisen: Ist es wahr? Ist es notwendig? Ist es freundlich?“ – Buddha

Und auch, wer nur verzichtet, um seine Willensstärke oder moralische Überlegenheit zu beweisen, oder auch nur, um Glück als Selbstzweck zu finden, ist kein besserer Mensch. Es gibt keine besseren und schlechteren Menschen. Für mich gibt es Menschen, die nach Sinn streben und Menschen, die nach Glück streben. Es gibt den, der sich etwas vom Festival erhofft, wie Glück oder Zufriedenheit. Und es gibt jene, die auf Festivals fahren, weil sie bereits glücklich und zufrieden sind und diese Erfahrung weitergeben wollen – sie suchen Sinn, zum Beispiel in der Nächstenliebe oder der Hilfsbereitschaft. Wer also verstanden hat, dass Veganismus nicht die Welt rettet, sondern die Motivation hinter der Entscheidung das Wichtige ist, der ist einen großen Schritt weiter. Die Motivation, eigene Erfahrung zu machen, zwang- und anspruchslos weiterzugeben und keinem Lebewesen zu schaden – das ist die Kunst. Und das ist schwer.

Der Unterschied zwischen Glück und Sinn

Das Eine tragen wir bereits in uns, das andere sollten wir suchen. Leider haben wir diese beiden Dinge vertauscht. Wir meinen oft, den Sinn gefunden zu haben bzw. ihn als Mensch seit der Geburt in uns zu tragen – das Streben nach Glück, das sogar in der US-Verfassung festgeschrieben ist. Es ist aber anders herum. Was man in sich trägt, das ist das Glück. Es befähigt uns zur Sinnsuche. Und meiner Meinung nach findet man Sinn weder in Konsum, noch in (beruflichem) Erfolg, so wie wir ihn verstehen, finden. Was man Alles nicht mehr tun würden, wenn man schon glücklich wäre, das ist bei jedem etwas Anderes. Aber es ist immer sehr viel und oft genau das, was Uns und Anderen schadet. Denn plötzlich sucht man nicht mehr nach Glück, sondern nach Sinn. Und diese Suche ist sehr viel anspruchsvoller und menschlicher als das Streben nach Glück. Glück ist ein künstlich zum Lebensziel stilisierter Bewusstseinszustand. Das Tolle an der Sinnsuche, im Gegensatz zur Glückssuche: allein‘ die Suche nach Sinn macht glücklich, während die Suche nach Glück anstrengend und zerstörerisch sein kann und uns oft im Kreis laufen lässt. Und meistens kostet die Sinnsuche nichts. Sie schadet niemandem, denn jeder erkennt recht schnell für sich selbst, das keinerlei Sinn in Gewalt, Egoismus und Unterdrückung Anderer zu finden ist, sofern man sich kein Glück davon verspricht.

„Glück ist kein Ziel. Glücklichsein ist der Weg“ – Buddha

Hat man das wirklich verstanden, nein, selbst erfahren, dann fehlt einem auch die Energie nicht mehr, diese Dinge anzugehen, die schon seit Jahren auf der Liste der guten Vorsätze stehen. Diese Energie floss nämlich bisher in Wünsche, Ängste, Selbstzweifel, Ärger, Hoffnungen, Verurteilung anderer und das ständige Vergleichen mit anderen, so wie in das Erreichen ständig neuer Ziele, die wiederum nur Glück zum Ziel hatten – ob nun in Form von Gesundheit, Reichtum, Familie oder Erfolg. Echte Ziele im Leben sind von Mensch zu Mensch unterschiedlich, aber sie haben Eines gemeinsam. Nämlich, dass das eigentliche Ziel nicht Glück, sondern Sinn ist. Glück ist im Endeffekt nämlich nichts besonderes. Wer nicht glücklich ist, obwohl er gesund ist, lebt, beide Elternteile hat und nicht im Kriegsgebiet wohnt, hat, streng genommen, ein psychisches Problem. Denn er macht sein Glück von seiner Kauf- und Erlebniskraft abhängig. Wenn das aber tatsächlich so wäre, dann wäre Glück ja ein Privileg kaufkräftiger Schichten. Ob die Evolution, während sie Glück als Emotion oder Bewusstseinszustand entstehen lies, wusste, dass es mal sowas wie „Schichten“ geben würde? Ich glaube kaum. Deshalb kann es von solchen Dingen auch nicht wirklich abhängen.

Erst, wenn die Glückssuche beendet ist, beginnt die Sinnsuche. Bei Vielen ist das leider erst auf dem Sterbebett so weit. Deshalb möchte ich die Erfahrung des Konsumverzichts machen – um Sinn zu finden. Denn im Konsum, auf dem Handydisplay und auf dem Boden des Schnapsglases habe ich ihn bisher nicht gefunden. Ebensowenig im beruflichen Erfolg.

Arnes „Buy Nothing Year“

Dinge, die ich weiterhin kaufen / bezahlen werde:

  • Lebensmittel
  • Basis-Hygieneartikel
  • Rechnungen, Steuern, GEZ
  • Miete
  • Öffentliche Verkehrsmittel

Hierzu muss ich sagen, dass ich sogar bereits Rechnungen reduziert habe – ich habe meinen Smartphone Vertrag gekündigt und werde auch keines mehr benutzen. Mitte Oktober war der Vertrag zu Ende. Seit einem Monat habe ich zu dem Zeitpunkt bereits auf das Smartphone verzichtet. Auch für die Dinge, für die ich noch Geld ausgeben werde, gibt es kleine persönliche Einzelziele. Ich möchte gesünder einkaufen und mich ohne Chemikalien waschen. Würden Rechnungen und Miete sich so leicht reduzieren lassen, wäre ich auch dabei. Aber ich denke, dass das bereits ein großer Schritt ist, die bisherige Herausforderung zu meistern.

Dinge, für die ich kein Geld mehr ausgeben werde:

  • Neue Produkte (Klamotten, Technik, Möbel, Krimskrams – was in dem Jahr kaputt geht, wird repariert)
  • Fast Food & überteuertes, „schlechtes“ Essen allg.
  • Technik (Spielekonsolen, Handys, Computer usw.)
  • Komfortartikel
  • Zigaretten
  • Alkohol
  • keine neuen Verträge jedweder Art (Handy, Abos usw.)
  • Benzin
  • Süßigkeiten (auch, wenn es hier sicherlich schwache Momente geben wird – ich will es aber reduzieren)
  • Getränke, außer Wasser (damit habe ich bereits vor zwei Monaten begonnen und es tut mir sehr, sehr gut)
  • Geschenke zu Weihnachten, Geburtstag und anderen Feiertagen (was nicht bedeutet, dass es keine geben wird)
  • Party

Warum? Was will ich beweisen? Gar nichts. Es geht mir nicht um die einzelnen Punkte an sich. Ich glaube nicht, dass der Verzicht auf Cola und Smartphone mich zu einem besseren Menschen machen. Diese Dinge stehen für mein Leben. Es sind die Dinge, die ich meiner Meinung nach ändern muss, um Sinn im Leben zu finden. Ich möchte eine Erfahrung machen und diese teilen, damit andere Menschen vielleicht die Dinge in ihrem Leben identifizieren, die ihnen eigentlich im Weg stehen und die sie nur glauben zu brauchen, weil sie keine wirkliche Alternative kennen. Und sich Glück davon versprechen. So wie auch ich. Bisher. Das Hauptziel ist es, glücklich zu sein, ohne anderen Menschen und Lebewesen durch pervertiertes Konsumverhalten dafür schaden zu müssen. Denn das ist die Grundlage für ein sinnvolles und erfüllendes Leben. Sind wir nämlich nicht von uns aus glücklich, so müssen wir ständig nach Glück suchen, während wir eigentlich leben und Sinn stiften sollten. Und jeder, der uns überzeugen kann, dass wir Glück hier oder dort finden würden, der hat uns somit unter Kontrolle – Werbung, Politik, Wirtschaft. Man kann es nur in sich selbst finden, durch eigene Erfahrung. Nicht durch das Lesen schlauer Texte und Buddha-Memes bei Facebook. Das ist Inspiration, aber keine Erfahrung. Und deswegen höre ich jetzt auch auf und lege los. Woche für Woche werden kleine Tagebucheinträge zum Thema folgen.

Wissenschaftliche und informelle Grundlage

Die amerikanischen Psychologen Tim Kasser und Richard M. Ryan haben in einer Vielzahl von Untersuchungen festgestellt, dass Menschen mit sehr materialistischen Werten ein geringeres psychisches und physisches Wohlbefinden aufweisen, als Menschen, denen materialistische Werte weniger wichtig sind. Auch ich persönlich habe schon selbst erfahren, dass die Dinge, die wir begehren und besitzen wollen oft schnell die Dinge werden, die uns besitzen. Außerdem kennt jeder das Gefühl, wenn ein lang ersehnter Wunsch in Erfüllung geht und plötzlich, wie aus dem Nichts, schon der nächste auftaucht. Ist unser Konsumverhalten krank? Wenn man bedenkt, dass Lebensmittelpreise durch künstliche Knappheit stabil gehalten werden, oder sich sogar erhöhen, während Menschen hungern, oder, dass wir ständig irgendwas brauchen, um scheinbar zufriedener zu sein, während einige Menschen wenig bis gar nichts haben und uns bezüglich psychischer und physischer Gesundheit trotzdem weit in den Schatten stellen (siehe Bhutan – das glücklichste Land der Erde), sollte man seine eigenen Gewohnheiten zumindest einmal überdenken, sofern man noch nicht ganz abgestumpft ist.

In ihren Studien arbeiten sie mit dem so genannten „Aspiration Index“.  Dabei werden den Versuchspersonen verschiedene Ziele vorgelegt und sie sollen angeben, welche Ziele wie wichtig für sie sind.

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